Mancherlei Ungewöhnliches passierte mir in der Vergangenheit in diesem weit entfernten Land am Äquator. Und nicht allzu selten waren dabei kriminelle Energien involviert. So wurde mir bereits das Handy gestohlen und damit tiefschürfende Liebesnachrichten an schmachtende Herzblätter verschickt, bevor es auf mysteriöse Weise wieder in meine Hände gelangte – mit dem ganzen Austausch von Liebeleien im Speicher. Mindestens ebenso verstörend war ein nächtlicher Einbruch in mein Zimmer, in dem ich nichtsahnend schlummerte. Immerhin entschuldigte sich der Schlossknacker am nächsten Morgen persönlich bei mir – man kann ja schon mal das Stockwerk verwechseln und dann kurzerhand entscheiden, dass Schlüssel vollkommen überflüssige Accessoires insbesondere für solche Personen darstellen, die sich auf die Kunst des Aufrüttelns eigentlich verschlossener Pforten verstehen.
Bisher jedoch fand ich mich bei Rechtsbrüchen in meiner Wahlheimat nie der Täterschaft beschuldigt. Bis ich letzte Woche Bekanntschaft mit der ugandischen Justiz und ihrer für deutsche Verhältnisse geradezu beängstigend rasenden Geschwindigkeit machte: Anklage, Verhandlung und Urteil in einer Stunde? Schnallen Sie sich besser an, Mr. White Guy, es könnte unangenehm werden...
Wie ich einmal verklagt wurde...
Blicke ich zurück in meine möglicherweise etwas getrübte Erinnerung, begann das Geschehen ungefähr so: eines schönen Tages begab ich mich in steter Sorge um die mir anvertrauten gehörnten Wiederkäuer auf die nahegelegene Weide, als mich ein orientalisch gekleideter, mittelalter Herr unvermittelt beim Ziegenbürsten ansprach. Ob ich wohl die Güte hätte, ihm kundzutun, wo man solch beeindruckende Geschöpfe wie meine mittlerweile prächtig gewachsene Gwen in diesem Lande ausfindig machen könnte?
“Ei guter Herr, nur allzu gerne brächte ich euch dieses Wissen nahe. Doch unglücklicherweise kann selbst ich euch nur unzureichende Kunde von der Herkunft jenes von euch so bewunderten Wesens übermitteln, denn Herkunft und Geburtsort dieser beeindruckend anmutenden Geiß verlieren sich im Dunkel ihres kurzen Lebens. Ihre Pflege wurde mir mehr durch einen Zufall denn durch eigenes Zutun anvertraut und so blieb ich bis heute über ihre detaillierte Genealogie im Ungewissen”, sprach ich und ward so gleich gewahr, dass die Augen des unbekannten Fremden schelmisch blitzten, als hätte er soeben die Bestätigung einer schon lang gehegten Vermutung erhalten.
“Nun hör mal gut zu, du daher geschwollen quatschender Muzungu aus der Nachbarschaft. Vor dir steht der Besitzer jener Ziege, die dieses Balg zur Welt gebracht und versorgt hat, bis es vor einiger Zeit einfach verschwunden ist. Kurz und knapp: du gibst mir jetzt mal dieses meckernde Nutztier heraus, dann passiert dir auch nichts, ansonsten kannste dich auf was gefasst machen, verstanden?”
Leicht verunsichert ob der gar zu dreisten Rede des offenbar wenig kooperativen Unholds ward ich versucht, einer gütlichen Einigung Vorschub zu leisten und gab mich kooperationswillig: “Sehr verehrter Herr ehemaliger Ziegenbesitzer aus der Nachbarschaft, keinesfalls zweifle ich eure mehr als kurios anmutende Mär über den unfreiwilligen Verlust einer geliebten Selbstzüchtung und die nachfolgenden Monate der unbeabsichtigten Trennung an, gleichwohl fällt es mir schwer, die von mir eigenhändig aufgezogenen Geiß so unvermittelt in mir fremde Hände zu geben. Saget, oh Rastloser, gibt es denn nicht die Möglichkeit, sich auf einen finanziellen Obolus als Ausgleich für eure bisherigen Verluste zu einigen?”
| Gwen besucht mich im Knast |
”Unter 200.000 Schilling geht gar nüscht, dass das man klar ist. Auszuhändigen in einer Stunde an der großen Palme in kleinen, willkürlich nummerierten Scheinen. Und wehe du erzählst wem davon, du reicher Möchtegernviehzüchter aus dem Norden!”
Nur mäßig beeindruckt von dem bedrohlichem Klang seiner Stimme erwiderte ich feist, wenn auch unüberlegt: “Gar ridikül erscheint mir euer Ansinnen, schändlicher Erpresser. Zieht unverrichteter Dinge von dannen, wenn ihr nicht ernsthafterweise auf eine gütliche Einigung mit mir wenig verständigem Ziegennarr ausseid. Getreu dem Ratschlag meiner werten Frau Mama - “Mit Terroristen verhandeln wa schonma ja nich!” - empfehle ich mich freundlichst euer werten Gegenwart und bitte euch wenn auch höflichst so doch ebenso nachdrücklich, euch von der mir okkupierten Weide zu entfernen!”
Worauf sich der so gescholtene wahrhaftig unter einem Schwall von Flüchen und Verwünschungen gen Osten in Richtung der nahegelegenen Slums aufmachte, freilich nicht ohne mich darauf aufmerksam zu machen, dass soeben beendete Unterhaltung wohl für mich zweifellos noch ein Nachspiel habe.
Wie recht er doch haben sollte...
Schön, mal wieder was von Dir zu hören! Und diesmal gehts nicht um todbringende Krankheiten. Da verdoppelt sich schon meine Freude.
AntwortenLöschenBis denne
NF
Ich finde vor allem den Cliffhanger super. Da könnte ja nun wirklich alles passieren beziehungsweise passiert sein. Spann' uns doch bitte nicht zu lange auf die Folter!
AntwortenLöschenMartin
Son bisschen Demo- und v.a. Bürokratie haben eben von Zeit zu Zeit doch ihre Vorteile. Meine Nase. Schreib lieber schnell wie es ausgegangen ist, bevor du wieder zum Knacki wirst...und hast du jetzt auch ein selbstgestochenes Tatoo?
AntwortenLöschenHoffe, du wurdest wenigstens anständig behandelt.
Jetzt sitzen wir schon viel zu lange ohne Informationen da. Was passierte dann? Wie ist es dir ergangen? Wie konntest du nur all dem entkommen? Und vor allem: Wie geht es Gwen???
AntwortenLöschenLuise
Ja, so eine Mum hat immer die besten Ratschläge für das alltägliche Leben parat!
AntwortenLöschenM.