Freitag, 29. April 2011

Aktuelles V

Andauernde Proteste

Manchmal ist es geradezu beschämend, wenn man sieht, was in Uganda gerade so passiert. Zum vierten Mal innerhalb von drei Wochen wurde der Oppositionsführer Kizza Besigye auf eine Art und Weise verhaftet, die jeden westlichen Beobachter nur entsetzt zuschauen lässt. Ugandisches Fernsehen ist momentan voll von Live-Aufzeichnungen der gestrigen Festnahme. Kurzzusammenfassung: Wagen auf dem Weg zur Arbeit angehalten, Scheibe anschießen, einschlagen und Unmengen Pfefferspray hinein. Dann die herausstolpernden Insassen auf die Pritschen der Polizeiwagen prügeln und ab geht’s. Und drumherum eine Traube von Reportern.  
Schon in den letzten Wochen war für oppositionelle Politiker die Nutzung von öffentlichen Straßen zumindest zu Fuß vor allem an Mon- und Donnerstagen nicht mehr gestattet. Mittlerweile scheint aber nicht einmal mehr die Proklamation fadenscheiniger Begründungen wie einer angeblichen „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“ oder „Anstiftung zum Widerstand gegen die Staatsgewalt“ in Folge der landesweit durchgeführten Protestmärsche notwendig zu sein, um lästige politische Gegner inhaftieren zu können. Es genügt allein das Verlassen des Privatgrundstücks. Man kann sich ja vorstellen, was als nächstes kommt.
Derweilen sind unter den Opfern der Straßenkämpfe zwischen Demonstranten und Polizei auch immer öfter vollkommen unbeteiligte Anwohner. In der letzten Woche wurde ein zweijähriges Kleinkind bei der gewaltsamen Auflösung von Demonstrationen in Massaka durch das Militär erschossen. Für Präsident Museveni nur ein weiterer Vorwand, die harte Linie der Polizei zu verteidigen: jeder weitere ungerechtfertigte Protestmarsch ist inakzeptable und wird auch in Zukunft unterbunden werden. Mit allen Mitteln.

Samstag, 23. April 2011

Beim Bankautomat

Für abhebewillige Großverdiener aus dem befreundeten Ausland haben die ugandischen Banken zwei echte Servicehighlights vorbereitet. Zum einen verfügt jeder Bankautomaten im Land zu seinem Schutz über einen eigens dafür abgestellten Wachmann, welcher jedoch in Wirklichkeit noch eine ganze Reihe weiterer Dienstleistungen zu übernehmen hat: denn er dient auch als erste Informationsquelle über die derzeitige Verfügbarkeit von Bargeld, Quittungen oder etwaige Wartezeiten, ist in der Regel auch gerne zur Assistenz bei der PIN-Eingabe, Kartenverwaltung oder Kontoführung bereit (und hat eher weniger Verständnis dafür, dass diese Angebote von mir so selten in Anspruch genommen werden) und weiß immer genau, wann die gerade durch geführten Reparaturarbeiten wohl beendet sein werden (meist in 5 bis 10 (ugandischen) Minuten, das entspricht etwa 4 bis 6 Stunden Echtzeit).
So reich und doch so arm - das sind keine 500 Euro...
Aber nicht die allgegenwärtigen und äußerst kontaktfreudigen Wachposten vor den modernen Elektrotresoren machen jeden Abhebevorgang zu einem Erlebnis, denn zu anderen sind auch die Automaten selbst sind eine genaue Betrachtung wert. Habe ich anfangs noch in meiner panischen Unsicherheit noch die englische Menüführung gewählt, um bloß ja ganz schnell mein Geld zu bekommen und zu verschwinden, erkunde ich seit einiger Zeit die erfrischend  leicht verständliche Beschreibung eines Abhebevorgangs in Luganda: „Introduzca su PIN par favor“ - Klar, PIN eingeben, mach ich glatt. - „Retiro de efectivo“ - Ja, ich will Bargeld abheben. Überraschend, wie gut ich alles verstehe. - “Intorduzca la cantidad de dinero“ - Ich brauche so 300.000 Schilling. Aber irgendwie kommt mir das alles Spanisch vor. - „Espere por favor“ - Na gut. - „Gracias por usar Stanbic ATM“ - Keine Ursache. Um einige Schilling und ein Stück Selbstbewusstsein reicher mache ich mich auf den Weg nach hause. Nur eine Frage quält mich: warum ging das bloß im Lugandaunterricht nie so einfach?

Donnerstag, 21. April 2011

Unkreativität

Weil mir heute nichts besseres einfällt, gibt's nur neuste Neuigkeiten aus der Heimat (ja, das vorherstehende, gräulich unterlegte Geschreibsel ist ein Link)!

Morgen wieder mehr aus Uganda, versprochen!

Dienstag, 19. April 2011

Gwen

Mag ich auch für die meisten Ugander in meiner Umgebung kein besonders vorbildlicher Ziegenhalter sein, sondern eher ein ziemlich wunderlicher Tierfreund, der vermutlich einfach nur nicht ausgelastet ist, weil er immer noch nicht verheiratet ist (geschweige denn Kinder hat), so spricht doch die Wertschätzung der Zielgruppe eine andere Sprache. Die Ziegenzucht Embuzi erfreut sich regen Zulaufs und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Beinahe alle zwei Wochen schauen herren- bzw. heimatlose Ziegen bei mir vorbei und wollen sich zu meiner kleinen Herde gesellen. Und nachdem schon eine dieser Ziegen in der Nachbarschaft des nächtens das Opfer herumstreunender Hunde wurde (die ja auch alle herren- und heimatlos sind, muss man zu deren Verteidigung sagen), konnte ich bei der nächsten nicht mehr tatenlos zusehen.
Gwen und ihre Lieblingsspeise: Bananenschalen
Deshalb habe ich jetzt Gwen. Sie ist meiner Schätzung nach höchstens zwei Monate alt und furchtbar winzig für ihr Alter. Eigentlich laufen solche kleinen Ziegen nicht ohne ihre Mutter herum, aber die scheint ihr wohl irgendwie abhanden gekommen zu sein. Was normalerweise das Todesurteil für die kleinen Zieglein bedeutet. Aber Gwen ist ziemlich taff und hat sich mindestens eine Woche allein durchgeschlagen, bevor ich sie eines Morgens schlafend unter dem Stall fand. Nun hat sich die zarte Gwen aber schon gut eingelebt und frisst erstaunliche Mengen für ihre Größe. Am liebsten direkt aus der Hand.

Montag, 18. April 2011

Aktuelles IV

Demonstrationen 

Hier liegt die Zukunft Ugandas: Öl im See
Die Regierung stellt sich den seit einer Woche stattfindenden Demonstrationen in wenig überraschender Weise. Vorsichtig ausgedrückt. Polizei und Militär sind in erhöhter Alarmbereitschaft und agieren wenig zimperlich. Die Polizeipräsenz wurde in allen größeren Städten des Landes massiv erhöht. Es gab allein letzten Donnerstag mindestens 220 Verhaftungen. Vier Menschen starben seitdem bei der Auflösung von Demonstrationen. Der Oppositionsführer Besigye wurde während eines Demonstrationsmarsches angeschossen. Mindestens zehn zum Teil sehr prominente Oppositionelle (u.a. der neugewählte Bürgermeister Kampalas) befanden sich zeitweise in „Schutzhaft“. Auch heute wurden sie in Erwartung weiterer "Walk to Work"-Märsche bereits morgens vorbeugend in Gewahrsam genommen. Uganda entwickelt sich scheinbar zu einem Polizeistaat. Aber wenigstens zu einem gut gerüsteten, wenn man den Medienberichten glauben schenken darf. Denn vor wenigen Wochen verkündete die Regierung, Kampfjets und Panzer für umgerechnet 740 Mio. Dollar kaufen zu wollen. Zum Schutz gegen "Eventualitäten" bei der Erschließung der Ölvorkommen im Lake Albert an der Grenze zum Kongo. Na dann.

Sonntag, 17. April 2011

Aktuelles III

Die allgemeine Stimmung

"Ehre sei Gott" - doch oft nicht für alle bezahlbar
Von westlichen Medien weitgehend unbemerkt hat die eigentlich schon seit einem Jahrzehnt anhaltende ökonomische Krise nun durch die brutal einsetzende Inflation zu einigen brandheißen Entwicklungen geführt. Die in den im Februar diesen Jahres abgehaltenen Präsidentschaftswahlen zuletzt vernichtend geschlagene Opposition versucht dieser Tage, den allgemeinen Unmut insbesondere der ugandischen Jugend gezielt auf die Straße zu bringen. Mit sogenannten „Walk to Work“-Demonstrationen („Lauf zur Arbeit“) soll auf die explodierenden Transportpreise aufmerksam gemacht werden. Eigentlich unnötig, denn der mittlerweile jeden Morgen zu beobachtenden Exodus der arbeitenden Bevölkerung in Richtung Stadtzentrum spricht auch an Nichtdemonstrationstage Bände. Denn längst hat die Krise auch die, so vorhandene, ugandische Mittelschicht in den Außenbezirken ergriffen und zwar in einem viel tiefgreifenderen und bedrohlicherem Maße, als es beispielsweise die Weltfinanzkrise in westlichen Ländern vermochte. Gegen die hiesigen Entwicklungen war das Jammern auf hohem Niveau.

Samstag, 16. April 2011

Aktuelles II

Geldentwertung

… denn seit etwa zwei Wochen setzt in Uganda etwas ein, was den wirtschaftlich bewanderten und/oder ziemlich betagten Lesern eine grauenerregende Vorstellung sein dürfte: Uganda hat mit solch schnellen Preissteigerungen zu kämpfen, dass wir für den Monat April wohl getrost von „galoppierender Inflation“ sprechen können. Denn zumindest Nahrung und Transportdienstleistungen haben sich in zwei Wochen um mindestens 50 Prozent verteuert und das sind die Posten, die die größten täglichen Ausgaben in den Budgets der Slumbewohner Kampalas ausmachen. Da mag die Regierung noch so sehr abwiegeln und mit künstlich schöngerechneten Statistiken die allgemeine Inflation auf unter 10 Prozent beziffern, die alltägliche Erfahrung spricht eine andere Sprache. Denn arbeitslose Familienväter mit acht Kindern kaufen äußerst selten die in die Regierungsberechnungen einfließenden Neuwagen, Reiserücktrittsversicherungen oder Laminierungsmaschinen. Sondern überraschenderweise lieber ein Kilo Reis (von 1500 auf 2500 Schilling), eine Fahrt aus Kawempe in die Stadt (von 500 auf 1000 Schilling) oder ein Mittagessen bestehend aus Kochbananen (Matooke), Maismehlbrei (Posho) und Bohnen (von 1500 auf 2500 Schilling).
Kikomando: von 800 auf 1200 Schilling und kein Ende in Sicht
Die Preissteigerungen sind auf zweierlei Ursachen zurückzuführen: auf eine harte wenn auch nicht allzulange Trockenzeit und vor allem auf den Bürgerkrieg in Libyen. Denn als einer der Hauptölversorger der Region treffen die aus dem Konflikt resultierenden Lieferengpässe die Entwicklungsländer Afrikas gewöhnlich zuerst, da sie weder über nennenswerte Ölbestände verfügen noch die bevorzugten Kunden anderer Ölstaaten darstellen. Und so explodieren die Spritpreise im ganzen Land und lassen die Nahrungsmittelversorgung Kampalas zu einer äußerst kostspieligen Angelegenheit werden. Und das ist erst der Anfang des ganzen, denn die nachziehenden Preissteigerungen für Dienstleistungen sind schon in vollem Gang: der Männerhaarschnitt für Ugander (von 1000 auf 2000 Schilling), das Zimmer in Wandegeyas bekanntestem Stundenhotel (von 4000 auf 7000 Schilling) oder das Studieren an der Makerere University (von 3.000.000 auf 6.000.000 Schilling pro Semester) haben sich massiv verteuert. Nur Coca-Cola und seine Konkurrenzbrausen bleiben so preiswert wie eh und je. Aber ob die den Schnitt so rausreißen?

Freitag, 15. April 2011

Aktuelles I

Die folgende Artikelserie wird einen kleinen Einblick in aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Uganda geben. Ich werde das wie üblich nicht so ernst halten, auch wenn ich manches durchaus bedenklich finde. Wer mehr erfahren will, der wende sich an mich persönlich.

Was bisher geschah...

Der ugandische Verein der Numismatiker sucht...
Starten wir mit einer guten, wenn auch etwas veralteten Nachricht: seit meiner Ankunft in Uganda steigt der Wert des Euro unaufhörlich. Hurra, möchte man da rufen. Um knapp 20 Prozent hat er seit August 2010 zugelegt. Viele tausend Schilling zusätzlich sind dadurch unerwarteterweise in meine Taschen geflossen und haben mir das Leben geradezu paradiesisch versüßt. Danke liebes Europa! Von deiner wirtschaftlichen Stärke profitierte ich auch fern der Heimat permanent. Vielleicht machte sie mich gar ein wenig überheblich. 
Doch der Reihe nach: von Zeit zu Zeit fühlte ich mich wie Gott in Frankreich. Mit von Geldbündeln ausgebeulten Taschen schlendert ich über den Wochenmarkt in Kalerwe und ließ die Verkäuferinnen gönnerhaft auch mal eine Tomate weniger in mein Körbchen legen. Ich konnte es mir ja leisten. Manches Mal sah man mich mit vollen Händen Bonbons unter den Kindern Kawempes verteilen, auf dass sie den Herrn für seine Güte, mich zu ihnen zu senden, lobpreisen mögen. Und in langen afrikanischen Nächten schlief ich selig mit dem Gedanken an meine sich durch die undurchschaubaren aber segensreichen Mechanismen der modernen Finanzwelt unsichtbar vermehrenden Reichtümer auf meinem Bankkonto ein, wohlwissend, dass sich auch am nächsten Morgen wieder mehrere hundert Ugandaschilling wie von Zauberhand zu meinen nicht unerheblichen Barschaften hinzugesellt hätten. Mir ging es gut, ich hatte nichts zu fürchten. Das konnte ja nicht so weitergehen, wie mir heute klar ist...

Montag, 11. April 2011

Warten

Beim Warten entdeckt: Kolonialismuskritisches Beweisgut
im Buspark 
Das tägliche Leben in Uganda fordert gewisse Fähigkeiten, die ausreichend zu kultivieren ich in der Heimat nicht gezwungen war. Leider, wie ich im Nachhinein sagen würde, denn mit ein bisschen mehr Training hätte ich mir dringendst notwendige Tugenden wie Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit schon viel früher angeeignet. Dann würde ich sicher nicht jedes Mal wieder zum angekündigten Beginn auf einer Konferenz, zum angegebenen Abfahrzeitpunkt am Bus oder zum vereinbarten Termin in der Stadt erscheinen. Dann würde ich nicht stundenlang den Handwerkern beim Versuch zuschauen müssen, einen Kronleuchter mithilfe eines Handbohrers und einer Rohrzange an der sechs Meter hohen Decke des Nachbarsaals zu befestigen. Dann würde ich nicht dem immer gleichen Advertisement-Talk der Straßenverkäufer lauschen müssen, die mir automatische Handyentlader, Bettwäsche für die Reise oder ihre Tochter für nur zwei Kühe verkaufen wollen. Und dann würde ich auch nicht mehr so viel Blogartikel verfassen müssen, deren Formulierung mir die unfreiwillig gewonnene Freizeit vertreibt. Aber ich arbeite dran – heute morgen kam ich vier Minuten zu spät zur Arbeit. Es geht aufwärts!