Montag, 7. Februar 2011

Ziegenplan II: Zackery Embuzi

Wie wird man nun eigentlich Viehhalter, wenn man keine Ahnung hat, wie das eigentlich geht? Man kann, wie ich, naiv drangehen und denken: „Ist doch total einfach: ich baue einen Stall, suche einen Namen und leg mir dann halt eine Ziege zu. Was soll sein?“ Klingt einfach, ist es aber nicht, denn spätestens am letzten Punkt stößt man auf ein gravierendes Hindernis: die Beschaffungsproblematik.  

Man wandert landauf und landab, klopft an jede Tür vor der sich eine Ziege rumtreibt und hofft darauf, dass endlich mal jemand einsieht, dass das liebe Tier bei mir, der keine Ahnung hat, wie man damit umgeht, deutlich besser aufgehoben ist als bei erfahrenen Viehzüchtern. Zumal ich ja auch gut zahle. Leider muss man dann unerwartet häufig feststellen, dass die befragten Personen so gar kein Verständnis für den vollkommen nachvollziehbaren Wunsch haben, die besagte Ziege nur zu Streichel- und Anschaungszwecken, keinesfalls aber mit dem Ziel der Züchtung oder gar Schlachtung besitzen zu wollen und irgendwie auch nicht geneigt scheint, das Tier jetzt endlich mal rauszurücken. Wahrscheinlich, so erklärte mir Isaac, ist der Bedarf an sogenannte „rituellen“ Ziegen, die demnächst der Opferung beim Medizinmann für einen neuen Liebestrank oder ein Medikament zur Gichtlinderung ins Auge sehen, momentan ziemlich hoch. Was soll man da machen?

Zackery Embuzi
In Uganda ist die Antwort klar: man geht zur Kirche, denn letztlich findet sich dort eigentlich immer eine barmherzige Seele, die mir aus purer Nächstenliebe oder akuter Geldnot das Objekt meiner Begierde abtreten wird, solange ich nur den richtigen Preis bezahle. Und so erstand ich eines schönen Samstagmittag Zackery Embuzi, ein kleines, drei Monate altes Böckchen mit ziemlich struppigem, schwarzrotem Fell und weißen Ohren. Eine echte Promenadenmischung, ein Kind der Straße. Zackery befindet sich seit nunmehr einem Monat in meinem Besitz und ist, wie ich nicht müde werde zu betonen, die klügste Ziege Kampalas. Das zeigt sich schon allein daran, dass er gerne Bücher verschlingt,  vornehmlich natürlich die, die ich auch gerade lese. Allerdings sind unsere Geschmäcker sehr verschieden, er bevorzugt nämlich die leichtverdaulichen.

Andere Ziegen, andere Sitten
Auch sonst bringt Zackery allerlei Merkmale mit, die ihn literarisch gesehen äußerst interessant machen, im echten Leben aber im Hinblick auf eine erfolgreiche Integration in die bestehende Gesellschaftsordnung ziemlich hinderlich sind. In den Augen der anderen Ziegen hat er wahrscheinlich ungefähr das gleiche Image, dass ein neureicher, besserwisserischer und überbehüteter Zehnjähriger bei seinen Altersgenossen hat: das eines Außenseiters. Und wie so oft, ist daran das Elternhaus, hier also ich, Schuld. Ein gluckenhafter Beschützerkomplex, gepaart mit Überfürsorglichkeit und jede natürliche Rangordnung missachtendem Gerechtigkeitswahn haben aus Zackery in den Augen der anderen die unangepassteste Muzunguziege, die in ganz Kawempe zu finden ist, gemacht. Alle anderen Ziegen dürfen fröhlich und frei auf der Weide herumlaufen, aber Zackery muss zuhause seinen Stall aufräumen, Bücher knabbern oder für das Ziegenrennen trainieren. Alle anderen Ziegen dürfen fröhlich Müll von der Straße sammeln und in Abfalleimern wühlen, aber Zackery muss seine Bananenblätter und -schalen schön ordentlich aus dem Jutesack fressen und würde dabei wahrscheinlich auch Besteck benutzen müssen, wenn er denn Daumen hätte. Alle anderen Ziegen dürfen Seifenwasser aus der Plastikschüssel vor den Latrinen trinken, aber Zackery darf nicht mal in die Nähe der Latrinen. Alle anderen Ziegen haben Würmer, Zackery ist natürlich geimpft und bekommt wöchentlich Vitamine, Mineralien und Spurenelemente.  
Wer kommt denn da?
Dem so sozialisierten Geschöpf ist das Leben in dem konservativen Regime der etablierten Herde, die der breiten Masse von Ziegen die Errungenschaften der modernen Zivilisation zugunsten eines anachronistischen Ordnung der Stärke vorenthält, unerträglich und somit ist für Zackery dort kein Platz. Zu seinem Glück und meiner Erleichterung hat er aber eine Menge anderer Freunde, von denen dann im dritten Teil die Rede sein wird.

4 Kommentare:

  1. Bist du ne Mutti! Jetzt bestätigst du es selbst mit einem gewissen Stolz. Interessant.
    Sieht Zackery eigentlich immer so verschlafen aus? Oder ist das ziegentypisches Aussehen?
    Und beim Ziegenshoppen hast du doch nicht ernsthaft erzählt, dass du die Ziege zum Streicheln haben willst und wunderst dich über Unverständnis? Abgesehen davon, welche Motive man Dir dann wirklich unterstellt.

    Martin

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  2. Ich find, dass sie nett aussieht. - Woher weißt Du denn nun eigentlich, wie man so eine Ziege artgerecht hält, füttert und impft? Du steckst voller Talente.

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  3. das ist doch ein prächtiges Tier.

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  4. Hey Benni, hab den Artikel genossen, bin aber noch nicht dazu gekommen dazu was zu schreiben, bzw. mir ist nichts gescheites eingefallen.

    Die gestrige Wahl habe ich jetzt aber mal zum Anlass genommen dir eine ruhige Woche zu wünschen ;)

    Wir suchen gerade eine Wohnung und haben in der Nähe deiner alten heute was hübsches gesehen...drück uns die Daumen.

    PS: wußtest du, dass Uganda zumindest in einer Beziehung weltspitze ist? Wenn nicht dann klick folgenden Link:
    http://www.welt.de/politik/ausland/article12577491/Wahl-im-schwulenfeindlichsten-Land-der-Welt.html

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