Montag, 28. Februar 2011

Ein echt authentischer Wochenbericht

Montag
Dieser Ofen ist Scheiße.
Energiesparofen aus Kuhscheiße gebaut. Zudem erstmals althergebrachtes landwirtschaftliches Gerät (Egge) aus Eigenmotivation zur Anwendung gebracht. Danach mit der örtlichen Kräuterhexe medizinisch wertvolles Pflanzengut gesammelt und mit Mörsern zerkleinert. Antimückenöle aus natürlichen Essenzen gebraut. Fazit: Dem Ökotourismus zu huldigen ist nur was für Prenzlauer Berger Juppies auf Liegefahrrädern. Bevorzuge weiterhin Kugelgrill, Schaufeln und scharfe Messer. Muss ich mir jetzt „Eurozentrist“ in den Pass eintragen lassen?



Dienstag
Besser als bei Wetten, dass ...
Insektenbeobachtungskurs mit Straßenkindern durchgeführt. Die Wichtigkeit der Ameise und ihr soziales Gefüge laienhaft erläutert. Gottesanbeterin mit bloßer Hand gefangen und als Zeichenobjekt zur Verfügung gestellt. Ekelanfälle unterdrückt. An der Frage nach der Nützlichkeit von Moskitos gescheitert, daher Repellent und Fliegenklatsche empfohlen. Gekonnt Flip-Flops repariert und Kinderlandverschickungstrucks verabschiedet.
Nachtrag: Jetzt kommt raus. Guttenberg hat alles abgeschrieben, erstaunlicherweise aber nicht bei mir. Schwerer handwerklicher Fehler. Aberkennung der Promotion ist folgerichtig unvermeidlich.


Mittwoch
Wer Augen hat, der lese
Im Zuge der wenig freien, dafür aber schön unfairen Bürgermeisterwahlen gibt es Massenproteste im heimatlichen Kampala mit anschließender Militärparade. Die deutsche Botschaft hat zum Glück für diesen Fall Vorkehrungen getroffen und bereits vor Monaten über Fluchtanweisungen, Evakuierungspläne sowie sichere Frequenzen auf Kurzwellensendern informiert. Eingedenk des zwar empfohlenen aber nicht angelegten Nahrungsvorrats für zwei Wochen und des selbstverschuldeten Mangels an Campingkochern, Regenplanen, Keilriemen und Ersatzreifen im Gepäck aber gegen die Flucht ins befreundete Ausland entschieden. Stattdessen nur den sicheren Transfer zweier bekannter Rebellenziegen in den hauseigenen Fluchtbunker mittels der regierungssicheren Kommunikationskanäle des bekannten Demokratieförderers Facebook organisiert. Sicherheit geht vor.

Donnerstag
Mein neuer Brieffreund Y. Museveni
Auf der Überlandfahrt von Jinja nach Kampala alle Mitreisenden durch meine Anwesenheit in Freude versetzt. Alle Straßensperren des Militärs dank vorteilhafter Hautfarbe und unverstandener Rhetorik in Rekordzeit passiert. Zudem sämtliche Gepäckkontrollen abwenden können.
Gegen Mittag eine SMS vom alten und neuen Präsidenten bekommen, der sich für meine Unterstützung bedankt. Kann mich gar nicht erinnern, ihm meine Nummer gegeben zu haben. Einzige Erklärung: der Innenminister. Hatte unser weihnachtlicher Überraschungsbesuch auf seiner Finca für mich also doch noch unangenehme Konsequenzen. Gibt er unbefugt persönliche Daten weiter? Wittere den nächsten großen Skandal. Dann Erleichterung: Der Innenminister ist im Zuge der Neubesetzung von Posten nach der Wahl erst mal weg vom Fenster. Quasi nur noch ein Ex, ein a.D., ein Nichts. Erledigt. Wie gewohnt prompte Problemlösung der Behörden in einem Land, in dem Datenschutz noch groß geschrieben wird.

Freitag
Zwar nicht Jinja, trotzdem schön
Zurück Richtung Jinja. Bin ich taschenkontrollsüchtig geworden? In Jinja: erst Zuckerschock durch Geburtstagstorte, dann echt koloniales Golfen am Nil. Stilecht in Latschen und mit schwarzem Caddy, der anschaulich den richtigen Schwung erklärt. Bin offenbar talentfrei. Später über Kokosnuss gestolpert und dabei den Vorteil ungeteerter Straßen entdeckt. Ruhiger Abendausklang beim Fußballschauen. Die Gruppe betrunkener Siebenjähriger stört die heimwegliche Idylle, amüsiert sich aber prächtig über meine witzigen Zaubertricks. Finde Jinja auch komisch, aber auf andere Weise.


Samstag
Mein  Nachbar räumt auf
Auf dem Handgelenk Wäsche sauber rubbeln nervt. Sind Bettlaken wirklich existentiell notwendig? Großen Zementflatschen vom Fenster gekratzt. Der Hausausbau scheint in vollem Gange. Auch der Nachbar hat den großen Reinemachtag. Nach getaner Arbeit folgt das plastikbetriebene Freudenfeuer. Die gewonnene Holzkohle wird umweltbewußt im auch hier bekannten Energiesparofen (s.o.) verbraten. Die Erde ist gerettet.

Sonntag
Schwerer Fahrradunfall auf der morgendlichen Tour. Mein Sportbeutel voller Plastikflaschen bremst den freien Fall. Trotz Überschlag landet auch das Fahrrad sicher, nämlich auf meinem Kopf. Als Sicherheitsfanatiker aber natürlich Helm getragen. Angemessenen Applaus für artistische Großleistung mit gekonntem Abrollen erhalten. Sollte ich zum Zirkus gehen?

Montag, 7. Februar 2011

Ziegenplan II: Zackery Embuzi

Wie wird man nun eigentlich Viehhalter, wenn man keine Ahnung hat, wie das eigentlich geht? Man kann, wie ich, naiv drangehen und denken: „Ist doch total einfach: ich baue einen Stall, suche einen Namen und leg mir dann halt eine Ziege zu. Was soll sein?“ Klingt einfach, ist es aber nicht, denn spätestens am letzten Punkt stößt man auf ein gravierendes Hindernis: die Beschaffungsproblematik.  

Man wandert landauf und landab, klopft an jede Tür vor der sich eine Ziege rumtreibt und hofft darauf, dass endlich mal jemand einsieht, dass das liebe Tier bei mir, der keine Ahnung hat, wie man damit umgeht, deutlich besser aufgehoben ist als bei erfahrenen Viehzüchtern. Zumal ich ja auch gut zahle. Leider muss man dann unerwartet häufig feststellen, dass die befragten Personen so gar kein Verständnis für den vollkommen nachvollziehbaren Wunsch haben, die besagte Ziege nur zu Streichel- und Anschaungszwecken, keinesfalls aber mit dem Ziel der Züchtung oder gar Schlachtung besitzen zu wollen und irgendwie auch nicht geneigt scheint, das Tier jetzt endlich mal rauszurücken. Wahrscheinlich, so erklärte mir Isaac, ist der Bedarf an sogenannte „rituellen“ Ziegen, die demnächst der Opferung beim Medizinmann für einen neuen Liebestrank oder ein Medikament zur Gichtlinderung ins Auge sehen, momentan ziemlich hoch. Was soll man da machen?

Zackery Embuzi
In Uganda ist die Antwort klar: man geht zur Kirche, denn letztlich findet sich dort eigentlich immer eine barmherzige Seele, die mir aus purer Nächstenliebe oder akuter Geldnot das Objekt meiner Begierde abtreten wird, solange ich nur den richtigen Preis bezahle. Und so erstand ich eines schönen Samstagmittag Zackery Embuzi, ein kleines, drei Monate altes Böckchen mit ziemlich struppigem, schwarzrotem Fell und weißen Ohren. Eine echte Promenadenmischung, ein Kind der Straße. Zackery befindet sich seit nunmehr einem Monat in meinem Besitz und ist, wie ich nicht müde werde zu betonen, die klügste Ziege Kampalas. Das zeigt sich schon allein daran, dass er gerne Bücher verschlingt,  vornehmlich natürlich die, die ich auch gerade lese. Allerdings sind unsere Geschmäcker sehr verschieden, er bevorzugt nämlich die leichtverdaulichen.

Andere Ziegen, andere Sitten
Auch sonst bringt Zackery allerlei Merkmale mit, die ihn literarisch gesehen äußerst interessant machen, im echten Leben aber im Hinblick auf eine erfolgreiche Integration in die bestehende Gesellschaftsordnung ziemlich hinderlich sind. In den Augen der anderen Ziegen hat er wahrscheinlich ungefähr das gleiche Image, dass ein neureicher, besserwisserischer und überbehüteter Zehnjähriger bei seinen Altersgenossen hat: das eines Außenseiters. Und wie so oft, ist daran das Elternhaus, hier also ich, Schuld. Ein gluckenhafter Beschützerkomplex, gepaart mit Überfürsorglichkeit und jede natürliche Rangordnung missachtendem Gerechtigkeitswahn haben aus Zackery in den Augen der anderen die unangepassteste Muzunguziege, die in ganz Kawempe zu finden ist, gemacht. Alle anderen Ziegen dürfen fröhlich und frei auf der Weide herumlaufen, aber Zackery muss zuhause seinen Stall aufräumen, Bücher knabbern oder für das Ziegenrennen trainieren. Alle anderen Ziegen dürfen fröhlich Müll von der Straße sammeln und in Abfalleimern wühlen, aber Zackery muss seine Bananenblätter und -schalen schön ordentlich aus dem Jutesack fressen und würde dabei wahrscheinlich auch Besteck benutzen müssen, wenn er denn Daumen hätte. Alle anderen Ziegen dürfen Seifenwasser aus der Plastikschüssel vor den Latrinen trinken, aber Zackery darf nicht mal in die Nähe der Latrinen. Alle anderen Ziegen haben Würmer, Zackery ist natürlich geimpft und bekommt wöchentlich Vitamine, Mineralien und Spurenelemente.  
Wer kommt denn da?
Dem so sozialisierten Geschöpf ist das Leben in dem konservativen Regime der etablierten Herde, die der breiten Masse von Ziegen die Errungenschaften der modernen Zivilisation zugunsten eines anachronistischen Ordnung der Stärke vorenthält, unerträglich und somit ist für Zackery dort kein Platz. Zu seinem Glück und meiner Erleichterung hat er aber eine Menge anderer Freunde, von denen dann im dritten Teil die Rede sein wird.