Samstag, 6. August 2011

Neue Geschichten aus der Wahlheimat II


“Der LC kommt!”, so hört man die Kinder schreiend durch die Straßen laufen. “Und er kommt nur deinetwegen!”, werde ich von den Jungs mit besorgter Miene aufgeklärt. ”Meine Güte, wirklich? Ich meine, echt? Der LC? Kein Scherz? So ein Mist!”, entfährt es mir unangemessenerweise. Man passt sich ja erstaunlich schnell der Situation an. Ich hab zwar keinen blassen Schimmer, warum das jetzt irgendwie wichtig ist, aber ich bin ja oft ein wenig blauäugig, wenn es um ugandische Lebenswirklichkeit geht. Vornehmlich aus Unwissenheit. Mir ist bewusst, dass der LC (local council, eine Art Bezirksbürgermeister) in meinem Slum schon über so wichtige Dinge wie die zulässigen Grenzen der Motorradbemalung (beim Fahrer hört der Spaß auf) oder die Notwendigkeit von Regeln beim Mensch-ärger-dich-nicht (man hat auch die Würfelwürfe betrunkener Gegner abzuwarten) schwerwiegende Entscheidungen gefällt hat, aber warum er nun ausgerechnet bei mir reinschneit, kapiert auch der verständigste Muzungu (also meine Wenigkeit) nur unzureichend. War ich gar zu forsch in meiner Kritik an der innovativen Konzeption des örtlichen selbstreinigenden Abwasserkanalsystems, welches durchgängige Überflutungen voraussetzt, um den darin enthaltenen Plastikmüll wirksam zu entfernen, und das nimmt der Gute jetzt persönlich? Hat man entdeckt, dass ich meine Kaugummis mit Vorliebe in strategisch günstigen Momenten wie dem Absingen der ugandischen Nationalhymne ausspucke, weil dann alle Tränen in den Augen haben? Hab ich den Kindern allzu auffällig das akustische Nachahmen von Darmflatulenzen beigebracht?
LUDO: Ein politisch inkorrektes Spiel
Alles falsch, werde ich sogleich in wenig beruhigender Manier aufgeklärt. Hier geht es um was Ernstes. Viehdiebstahl. Darauf steht Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren und natürlich Ziegenentzug. Und der LC ist gleichzeitig der erste Richter, wenn es um solche Fälle geht. Deshalb kommt der hier vorbei, meinen schadenfroh dreinschauenden Rivalen gleich im Schlepptau. Nun geht’s also zur Sache und zwar ganz locker in Form einer Anhörung. Jetzt ist also die sprichwörtliche Kacke am Dampfen.
Was ist nun die richtige Strategie? Ganz ruhig die Wahrheit sagen? Erfahrene Matlock-Gucker als Anwalt anheuern? Bestechen? Alles zusammen? Ich bin ratlos. Zum Glück muss ich erst mal nichts dergleichen machen, den zunächst einmal beginnen wir medienwirksam mit einem Schwall von lugandischem Kauderwelsch durch meinen Ankläger, dem ich nicht recht folgen kann. Ich werde aber schnell über die wesentlichen Punkte der zugrundeliegenden Indizienkette aufgeklärt.
  1. Ich bin der Slummuzungu
  2. Ich war auf der Suche nach jungen Ziegen
  3. Seine Ziege war eines Tages weg
Währenddessen bildet sich schon der erste Pulk von Zuschauern und das Publikum tobt. Denn vor geschätzten fünfzig sachkundigen Anwohnern kommt die Anklage zu dem geradezu zwangsläufigen Schluss, dass ich

 a) entweder die Ziege eigenhändig widerrechtlich an mich gebracht habe  
b) oder jemanden bezahlt habe, selbiges zu tun.

Wer hier den Zusammenhang findet, darf ihn behalten oder mir erklären. Meine brillante Verteidigung trotz totalem Unverständnis und den weiteren Verlauf der Verhandlung lese man im letzten Teil dieser Wahnsinnsstory. Bis dahin eine schöne Zeit.


Freitag, 29. Juli 2011

Neue Geschichten aus der Wahlheimat I

Mancherlei Ungewöhnliches passierte mir in der Vergangenheit in diesem weit entfernten Land am Äquator. Und nicht allzu selten waren dabei kriminelle Energien involviert. So wurde mir bereits das Handy gestohlen und damit tiefschürfende Liebesnachrichten an schmachtende Herzblätter verschickt, bevor es auf mysteriöse Weise wieder in meine Hände gelangte – mit dem ganzen Austausch von Liebeleien im Speicher. Mindestens ebenso verstörend war ein nächtlicher Einbruch in mein Zimmer, in dem ich nichtsahnend schlummerte. Immerhin entschuldigte sich der Schlossknacker am nächsten Morgen persönlich bei mir – man kann ja schon mal das Stockwerk verwechseln und dann kurzerhand entscheiden, dass Schlüssel vollkommen überflüssige Accessoires insbesondere für solche Personen darstellen, die sich auf die Kunst des Aufrüttelns eigentlich verschlossener Pforten verstehen.
Bisher jedoch fand ich mich bei Rechtsbrüchen in meiner Wahlheimat nie der Täterschaft beschuldigt. Bis ich letzte Woche Bekanntschaft mit der ugandischen Justiz und ihrer für deutsche Verhältnisse geradezu beängstigend rasenden Geschwindigkeit machte: Anklage, Verhandlung und Urteil in einer Stunde? Schnallen Sie sich besser an, Mr. White Guy, es könnte unangenehm werden...

Wie ich einmal verklagt wurde...

Blicke ich zurück in meine möglicherweise etwas getrübte Erinnerung, begann das Geschehen ungefähr so: eines schönen Tages begab ich mich in steter Sorge um die mir anvertrauten gehörnten Wiederkäuer auf die nahegelegene Weide, als mich ein orientalisch gekleideter, mittelalter Herr unvermittelt beim Ziegenbürsten ansprach. Ob ich wohl die Güte hätte, ihm kundzutun, wo man solch beeindruckende Geschöpfe wie meine mittlerweile prächtig gewachsene Gwen in diesem Lande ausfindig machen könnte?  
“Ei guter Herr, nur allzu gerne brächte ich euch dieses Wissen nahe. Doch unglücklicherweise kann selbst ich euch nur unzureichende Kunde von der Herkunft jenes von euch so bewunderten Wesens übermitteln, denn Herkunft und Geburtsort dieser beeindruckend anmutenden Geiß verlieren sich im Dunkel ihres kurzen Lebens. Ihre Pflege wurde mir mehr durch einen Zufall denn durch eigenes Zutun anvertraut und so blieb ich bis heute über ihre detaillierte Genealogie im Ungewissen”, sprach ich und ward so gleich gewahr, dass die Augen des unbekannten Fremden schelmisch blitzten, als hätte er soeben die Bestätigung einer schon lang gehegten Vermutung erhalten.
“Nun hör mal gut zu, du daher geschwollen quatschender Muzungu aus der Nachbarschaft. Vor dir steht der Besitzer jener Ziege, die dieses Balg zur Welt gebracht und versorgt hat, bis es vor einiger Zeit einfach verschwunden ist. Kurz und knapp: du gibst mir jetzt mal dieses meckernde Nutztier heraus, dann passiert dir auch nichts, ansonsten kannste dich auf was gefasst machen, verstanden?”
Leicht verunsichert ob der gar zu dreisten Rede des offenbar wenig kooperativen Unholds ward ich versucht, einer gütlichen Einigung Vorschub zu leisten und gab mich kooperationswillig: “Sehr verehrter Herr ehemaliger Ziegenbesitzer aus der Nachbarschaft, keinesfalls zweifle ich eure mehr als kurios anmutende Mär über den unfreiwilligen Verlust einer geliebten Selbstzüchtung und die nachfolgenden Monate der unbeabsichtigten Trennung an, gleichwohl fällt es mir schwer, die von mir eigenhändig aufgezogenen Geiß so unvermittelt in mir fremde Hände zu geben. Saget, oh Rastloser, gibt es denn nicht die Möglichkeit, sich auf einen finanziellen Obolus als Ausgleich für eure bisherigen Verluste zu einigen?”
Gwen besucht mich im Knast
”Unter 200.000 Schilling geht gar nüscht, dass das man klar ist. Auszuhändigen in einer Stunde an der großen Palme in kleinen, willkürlich nummerierten Scheinen. Und wehe du erzählst wem davon, du reicher Möchtegernviehzüchter aus dem Norden!”
Nur mäßig beeindruckt von dem bedrohlichem Klang seiner Stimme erwiderte ich feist, wenn auch unüberlegt: “Gar ridikül erscheint mir euer Ansinnen, schändlicher Erpresser. Zieht unverrichteter Dinge von dannen, wenn ihr nicht ernsthafterweise auf eine gütliche Einigung mit mir wenig verständigem Ziegennarr ausseid. Getreu dem Ratschlag meiner werten Frau Mama - “Mit Terroristen verhandeln wa schonma ja nich!” - empfehle ich mich freundlichst euer werten Gegenwart und bitte euch wenn auch höflichst so doch ebenso nachdrücklich, euch von der mir okkupierten Weide zu entfernen!”  
Worauf sich der so gescholtene wahrhaftig unter einem Schwall von Flüchen und Verwünschungen gen Osten in Richtung der nahegelegenen Slums aufmachte, freilich nicht ohne mich darauf aufmerksam zu machen, dass soeben beendete Unterhaltung wohl für mich zweifellos noch ein Nachspiel habe.

Wie recht er doch haben sollte...

Freitag, 13. Mai 2011

HIV/AIDS I

Die folgende Reihe wird sich mit HIV und AIDS auseinandersetzen. Keiner, der sich länger in Afrika aufhält, kommt um das Thema herum. Gleichwohl ist es zumindest in meinem täglichen Erleben viel weniger präsent als man eigentlich annehmen sollte. Schließlich handelt es sich dabei um eine tödliche, unheilbare Seuche, die in Kampala ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung befallen hat und sich weiterhin ausbreitet. Und das, obwohl Uganda fast ein Jahrzehnt lang als Vorzeigeland galt, was die HIV-Prävention anging. Was ist denn da passiert?

Tests

Grundschulweisheiten
Heute werden bei uns im Slum kostenlose Tests angeboten. Die werden in einem Zelt an der Straße aufgenommen und sind etwa innerhalb von fünf Minuten ausgewertet. Man wird mit Namen registriert und bekommt ein handgeschriebenes Zettelchen mit einer Nummer drauf, damit der auswertende Angestellte (ob der Arzt ist, sei mal dahingestellt) den Teststreifen auch wiederfindet. Die Auswertung erfolgt auf einer Bank hinter dem Zelt. Da sitzt man dann ganz locker mit dem Arzt zusammen, daneben noch der Typ, der die Kisten mit dem Equipment aus dem Auto getragen hat, und irgendein Halbwüchsiger, dem es in der Sonne zu warm war. Der Arzt stellt die üblichen Fragen nach Alter, letztem Test, dessen Ergebnis und letztem ungeschützten Geschlechtsverkehr. Dabei wird einem, egal wie man sich in der Vergangenheit verhalten hat, schon ein bisschen mulmig. Für den Arzt scheint dieser Spannungsbogen aber wichtig zu sein, denn vor dem Höhepunkt der Veranstaltung, der Ergebnisverkündigung, wird einem nochmal ernst in die Augen geschaut. Wahrscheinlich, damit man sich auch in Zukunft nicht risikobereit verhält. Dann die Erlösung oder der Schicksalsschlag. Egal, was davon eintritt, der Epilog des Beraters geht gänzlich an einem vorüber. Was für ein Theater.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Werbung II

Manchmal benötigt man gar nicht viele Worte, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es sich anfühlt, Uganda zu entdecken. Oft genügt ein Bild.

Analog zur S-Bahn Werbung: Minibusanzeigen

(Übersetzung: “Entfernen sie ihre Zähne nicht – Wir bieten Behandlungen löchriger, fauliger, blutiger oder kariöser Zähne, Mundgeruchs und Zahnaufhellung.“

Montag, 9. Mai 2011

Ugandische Mythen III

Torschlusspanik nach afrikanischer Zeit

Manchmal ist die ugandische Gesellschaft gnadenlos. Vor allem in Bezug auf die in Europa ja sehr verbreiteten Bedenken ob der eigenen Attraktivität und den damit verbundenen Schwierigkeiten, dem biologischen Fortpflanzungsimperativ zu folgen. Zu Deutsch: in Uganda wird Frauen die Torschlusspanik praktisch schon eingeredet, bevor sie überhaupt in die Pubertät eintreten. Ob das in Verbindung zu der hier schon erwähnten, künstlich herbeigeredeten Männerknappheit zu sehen ist, bleibt mal dahingestellt. Beschwichtigend wirkt die jedenfalls sicherlich nicht. Fakt ist daher, dass schon zwanzigjährige Frauen in Uganda aufsteigende Panikattacken niederkämpfen müssen, wenn sie auf ihren Beziehungsstatus angesprochen nicht schon ein baldige Heirat in Aussicht haben und dementsprechend die Grundlage zum Kinderkriegen geschaffen ist.
Kinder erfolgreicher ugandischer Mütter!
Die gängigen Erklärungen für diese Phänomen sind so aus westlicher Sicht natürlich komplett hirnrissig, aber sie spiegeln die Lebenswirklichkeit ugandischer Frauen relativ ungeschminkt wider. Natürlich ist die Behauptung, eine Schwangerschaft wäre ab dem dreißigsten Lebensjahr nicht mehr möglich, biologisch gesehen Unfug. Aber aus gesellschaftlicher Perspektive muss man sich vor Augen führen, dass ugandische Frauen immer noch vornehmlich in der Ehefrau- und Mutterrolle gesehen werden. Und da hat es eine attraktive Zwanzigjährige eben deutlich leichter, einen Mann zu finden, der auch gerne Mitte dreißig sein darf, als eine unabhängige Frau in den besseren, d.h. fortgeschrittenen Jahren. Denn die soll ja auch gerne noch die durchschnittlich fünfeinhalb Kinder zur Welt bringen, die eine ugandische Frau eben zu erziehen hat.
Nüchtern betrachtet gibt es natürlich mehr als genug Frauen ohne dieses Ziel und ohne die Aussicht, mit zwanzig den Mann fürs Leben gefunden zu haben, so dass das offenbar vorherrschende wie gesellschaftlich erwünschte Bild von der jugendlichen Mutter eigentlich schon komplett überholt ist. Als Kompromiss sollte es dann aber spätestens Mitte zwanzig so weit sein. Und im Gegensatz zu Deutschland, wo späte Mutterschaft zumindest für die höher gebildete Mittel- und Oberschicht praktisch unausweichlich ist, sind in Uganda kinderlose Frauen in den Dreißigern in der öffentlichen Wahrnehmung praktisch nicht vorhanden. Denn die sprichwörtliche „african time“ gibt es auch für biologische Uhren. Nur eben in umgekehrter Richtung

Samstag, 7. Mai 2011

Ugandische Mythen II

Die Zahnfee auf Ugandisch

Ugandische Grundschulkinder haben häufig einen Hang zur Grausamkeit gegenüber allerlei Getier, das sich als wenig widerstands- bzw. verteidigungsfähig erweist. Doch es gibt eine Ausnahme, die mich zum Nachdenken anregte: nie habe ich Kinder eine lebende Ratte quälen oder einen Rattenleichnam schänden sehen. Warum werden ausgerechnet diese hier nun wirklich zahlreichen Nager nicht mit der zweifelhaften Aufmerksamkeit einer Gruppe Halbwüchsiger bedacht?
Die Antwort ist einfach: jeder Grundschüler mit halbwegs gesundem Entwicklungsstand stellt sich lieber gut mit den nacktschwänzigen Pelztierchen, schließlich erwartet er von denen in regelmäßigen Abständen eine Belohnung. Denn für jeden ausgefallenen Milchzahn bringt die „Zahnratte“, wie ich sie mal unsauber übersetzt nennen möchte, im Tausch blinkende Münzen im Werte von tausend Schilling, die zu verprassen gerne tagelang Pläne geschmiedet werden. Besser also, man verärgert die Ratte nicht zu sehr durch tätliche Angriffe auf ihre Artgenossen.
Zahnpferd?
Meinen Nachforschungen zufolge haben die Zahnratten aber entweder einen guten Draht zur Ugandischen Zentralbank oder sie sind in letzter Zeit deutlich besser genährt als man das erwarten würde. Denn mir wurde aus sicherer Quelle zugetragen, dass die Ratten im Zuge der Inflation ihre Gewinnausschüttung ebenfalls verdoppelt haben und neuerdings sogar Scheine bringen. Obwohl die sonst doch auch gerne Papier essen. Irgendwie bin ich jetzt ziemlich skeptisch geworden, ob diesem Glauben nicht viel eher eine der ugandischen Lebenswirklichkeit nähere Form der amerikanischen „Zahnfee“ zugrunde liegt, die, wie aufgeklärte Kinder westlicher Couleur wissen, ja letztlich nur von den Eltern vorgeschoben wird, um dem Nachwuchs mal was Gutes zu tun. Aber irgendwie hätte man da doch ein netteres ugandisches Tier nehmen können. Nilpferd oder so.

Freitag, 6. Mai 2011

Kinderarbeit - kein Ende in Sicht

Kinderarbeit ist in Uganda ein alltägliches Übel. Man kann einfach nichts dagegen tun Ich selbst versuche beständig, mich gegen solche Praktiken zu stellen, aber es ist einfach nicht möglich. Ich werde mich wohl damit abfinden müssen, dass diese Form der Ausbeutung, so sich sich einmal eingeschliffen hat, nur noch schwer zu ändern ist. Ich selbst bin also ebenso ein Opfer des Systems, dazu verdammt, denn Dingen ihren Lauf zu lassen. Ein Erfahrungsbericht: 
Meine drei Tagelöhner - Richard, Radjab, Kim!
Morgens, halb sieben in meinem Slum. Ich erreiche nach kurzem Fußmarsch meinen Ziegenstall, bereit, mein Tagwerk zu beginnen - doch keine Chance, man hat schon auf mich gewartet: Kim (4) reißt mir sofort den Schlüssel zum Stall aus der Hand. Unter einem Schwall von Anweisungen seines älteren Bruders Radjab (6) öffnet er gekonnt in nur vier Minuten das Vorhängeschloss und schmeißt es vor Freude über den Erfolg gleich mal in hohem Bogen aufs Dach des Stalls. Die Ziegen sind so entsetzt, dass sie vor lauter Ablenkung das Meckern vergessen. Dafür fängt Richard (5) vor Freude an zu Quietschen. Kein Wunder, hat er doch entdeckt, dass man sich auch auf die Tür zum Stall stellen kann. Zumindest, wenn Radjab tatkräftig bei der Räuberleiter anpackt. Nachdem ich die Jungs aber zum Wasserholen geschickt habe, hab ich zwar genug Muse, die Ziegen zu beruhigen und schließlich unter Zuhilfenahme eines Kohlkopfes dazu zu bewegen, den sicheren Unterschlupf zu verlassen. Aber die Ruhe währt nur kurz, denn die Rasselbadne kommt schon mit vollen Wasserflaschen vom Tank zurück. Die Geschwister fangen dabei schon mal vorsorglich an, darüber zu streiten, wem ich jetzt wohl die Erlaubnis erteilen werde, den Stallboden zu fegen. Naturgemäß setzt sich Radjabs Erfahrung und Pflichtbewußtsein unter Zuhilfenahme eines Schwitzkastens durch. Was Kim aber nur Augenblicke später nicht davon abhält, sehr geschäftig ein paar Liter Wasser auf dem lehmigen Untergrund zu vergießen, damit die Ziegen auch was zu trinken haben. Währenddessen ergründet Richard die Funktionsweise der Stallverriegelung.
Kaum fünfzehn Minuten später kann ich die Jungs mit dem Singen von lugandischen Kinderliedern zumindest soweit ablenken, dass ich den Boden selbst bürsten darf. Aber nur, wenn ich dabei auch wie eine Ziege meckere. Radjab sucht derweilen nach dem schnellsten Weg, ein Schaufel Mist im Nachbargarten zu entsorgen. Ein sauberer Kochtopf leistet hier gute Aufbewahrungsdienste. Richard erklärt mir dann sehr stolz, dass er zum Abschluss der Aufräumarbeiten den Stall wirklich ganz allein verriegelt hat. Hab ich schon von selbst gemerkt, ich bin nämlich noch drin. Aber Kim ist ja ein erfahrener Schließer, da bin ich zwanzig Minuten später schon raus. Unmenschlich wie ich bin, wird die Extraarbeitszeit heute aber wieder mal nicht mitbezahlt. Also bleiben am Ende doch wieder nur zwei Bonbons für jeden der drei. Ich habe derweilen schonmal bezahlten Zwangsurlaub vorgeschlagen. Aber irgendwie scheint mein Luganda zu schlecht, um die Bedingungen detailiert genug auszuhandeln. Es bleibt also erstmal alles beim Alten, die Ausbeutung geht weiter. Fragt sich nur, wer hier eigentlich wen ausnimmt...

Mittwoch, 4. Mai 2011

Ugandische Mythen I

Wenn man länger in fernen Ländern weilt, stößt man früher oder später unweigerlich auf jene Art von neumodischen Legenden, die einem zuhause gar nicht mehr auffallen. Wahrscheinlich, weil man sie entweder für so bescheuert hält, dass man keinen weiteren Gedanken an sie verschwendet, oder weil man sie in den eigenen Kanon der anerkannten Lebensumstände aufgenommen hat und sie für wahr hält.. So oder so, man wird zuhause, wenn man sich nicht regelmäßig in eine Wagenburg oder zur Semesterankneipe einer eher „wertkonservativen“ Kameradschaft verirrt, erfahrungsgemäß eher selten mit irgendwelchen abgefahrenen Verschwörungstheorien konfrontiert. Außer natürlich man verbringt seine Tage regelmäßig in Faulheit dahingestreckt auf dem Alexanderplatz, wo einem dann öfter mal irgendein religiöser Untergangsprophet vom Planeten Nasrubir über die ausgestreckten Füße fällt. Aber das ist eine andere Geschichte. In Uganda jedenfalls ist zweifellos eine ganze Fülle von sinnfreien aber spannenden Unglaublichkeiten im Umlauf, denen nachzugehen natürlich oberstes Anliegen jedes pflichtbewußten Kulturpatriarchen westlicher Prägung sein muss. Und davon will ich in Zukunft einiges berichten.

Bevölkerungsstatistik

Einsame ugandische Frau schlägt sich durch!
In Gesprächen mit gestandenen Akademikern ugandischer Abstammung stieß ich auf wahrhaftig interessante Neuigkeiten: wie im Ziegenstall Embuzi so gibt es auch im restlichen Uganda bekanntlich doppelt so viele heiratsfähige Frauen wie Männer. Klasse, folglich müsste sich das starke Geschlecht gar nicht so wirklich anstrengen um seine Gene überhaupt mal zu verbreiten. Und überhaupt: Geschlechterkampf adé! Die reine Überproduktion der Natur macht solchen gesellschaftlichen Schnick-Schnack praktisch unmöglich, weil einem die Objekte der Begierde wenn schon nicht im Dutzend dann statistisch gesehen zumindest im Pärchen nachrennen müssen, um überhaupt mal unter die Haube zu kommen. Die Emanzipation frisst ihre Kinder (oder so ähnlich!. Uganda ist also bildlich gesprochen das gelobte Land der Junggesellen, ein Paradies der männlichen Wahlfreiheit und darüberhinaus sowieso ein ganz toller Platz, die Frau fürs Leben aus einem üppigen Angebot der Weiblichkeit herauszupicken.
So schön diese Vorstellung für all die beziehungslosen Singlemänner Ugandas auch sein mag, eine echte Bestätigung für diesen weitverbreiteten Volksglauben lässt sich nirgends finden. Tritt man auf die Straße, begegnen einem sogar eher mehr Männer als Frauen, was natürlich auch der klassischen Rollenteilung (Mann – Straße / Frau - Haus) geschuldet sein könnte. Aber auch in Schulen finden sich ebensoviele Schülerinnen wie Schüler, auf allen Märkten gibt es in etwa die gleiche Anzahl von Verkäufern für Herren- wie für Damenbekleidung und auch in Supermärkten sind die Lagerfächer für Binden in etwa so zahlreich und raumgreifend wie jene für Rasierklingen.
Wen diese blumigen Tatsachen noch nicht überzeugen, der schaue sich schnöde Zahlen in der virtuellen Welt an. Weder die Weltbank noch UNICEF und noch nicht mal die CIA können irgendwelche Daten zur Verfügung stellen, die die These von der weiblichen Überzahl oder einem geheimnisvollen Männersterben irgendwie plausibel machen würden. Was, wie ich von führenden Verschwörungstheoretikern richtigerweise belehrt wurde, natürlich nicht heißt, dass es nicht der Fall ist. Sondern nur, dass es nicht gefragt/gemessen/veröffentlicht wird. Also darf man getrost weiter daran glauben, dass Uganderinnen dringender männliche Zuwanderung benötigt als andere Teile dieser Welt. Nur Beweise mag man dafür leider irgendwie nicht finden.

Freitag, 29. April 2011

Aktuelles V

Andauernde Proteste

Manchmal ist es geradezu beschämend, wenn man sieht, was in Uganda gerade so passiert. Zum vierten Mal innerhalb von drei Wochen wurde der Oppositionsführer Kizza Besigye auf eine Art und Weise verhaftet, die jeden westlichen Beobachter nur entsetzt zuschauen lässt. Ugandisches Fernsehen ist momentan voll von Live-Aufzeichnungen der gestrigen Festnahme. Kurzzusammenfassung: Wagen auf dem Weg zur Arbeit angehalten, Scheibe anschießen, einschlagen und Unmengen Pfefferspray hinein. Dann die herausstolpernden Insassen auf die Pritschen der Polizeiwagen prügeln und ab geht’s. Und drumherum eine Traube von Reportern.  
Schon in den letzten Wochen war für oppositionelle Politiker die Nutzung von öffentlichen Straßen zumindest zu Fuß vor allem an Mon- und Donnerstagen nicht mehr gestattet. Mittlerweile scheint aber nicht einmal mehr die Proklamation fadenscheiniger Begründungen wie einer angeblichen „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“ oder „Anstiftung zum Widerstand gegen die Staatsgewalt“ in Folge der landesweit durchgeführten Protestmärsche notwendig zu sein, um lästige politische Gegner inhaftieren zu können. Es genügt allein das Verlassen des Privatgrundstücks. Man kann sich ja vorstellen, was als nächstes kommt.
Derweilen sind unter den Opfern der Straßenkämpfe zwischen Demonstranten und Polizei auch immer öfter vollkommen unbeteiligte Anwohner. In der letzten Woche wurde ein zweijähriges Kleinkind bei der gewaltsamen Auflösung von Demonstrationen in Massaka durch das Militär erschossen. Für Präsident Museveni nur ein weiterer Vorwand, die harte Linie der Polizei zu verteidigen: jeder weitere ungerechtfertigte Protestmarsch ist inakzeptable und wird auch in Zukunft unterbunden werden. Mit allen Mitteln.

Samstag, 23. April 2011

Beim Bankautomat

Für abhebewillige Großverdiener aus dem befreundeten Ausland haben die ugandischen Banken zwei echte Servicehighlights vorbereitet. Zum einen verfügt jeder Bankautomaten im Land zu seinem Schutz über einen eigens dafür abgestellten Wachmann, welcher jedoch in Wirklichkeit noch eine ganze Reihe weiterer Dienstleistungen zu übernehmen hat: denn er dient auch als erste Informationsquelle über die derzeitige Verfügbarkeit von Bargeld, Quittungen oder etwaige Wartezeiten, ist in der Regel auch gerne zur Assistenz bei der PIN-Eingabe, Kartenverwaltung oder Kontoführung bereit (und hat eher weniger Verständnis dafür, dass diese Angebote von mir so selten in Anspruch genommen werden) und weiß immer genau, wann die gerade durch geführten Reparaturarbeiten wohl beendet sein werden (meist in 5 bis 10 (ugandischen) Minuten, das entspricht etwa 4 bis 6 Stunden Echtzeit).
So reich und doch so arm - das sind keine 500 Euro...
Aber nicht die allgegenwärtigen und äußerst kontaktfreudigen Wachposten vor den modernen Elektrotresoren machen jeden Abhebevorgang zu einem Erlebnis, denn zu anderen sind auch die Automaten selbst sind eine genaue Betrachtung wert. Habe ich anfangs noch in meiner panischen Unsicherheit noch die englische Menüführung gewählt, um bloß ja ganz schnell mein Geld zu bekommen und zu verschwinden, erkunde ich seit einiger Zeit die erfrischend  leicht verständliche Beschreibung eines Abhebevorgangs in Luganda: „Introduzca su PIN par favor“ - Klar, PIN eingeben, mach ich glatt. - „Retiro de efectivo“ - Ja, ich will Bargeld abheben. Überraschend, wie gut ich alles verstehe. - “Intorduzca la cantidad de dinero“ - Ich brauche so 300.000 Schilling. Aber irgendwie kommt mir das alles Spanisch vor. - „Espere por favor“ - Na gut. - „Gracias por usar Stanbic ATM“ - Keine Ursache. Um einige Schilling und ein Stück Selbstbewusstsein reicher mache ich mich auf den Weg nach hause. Nur eine Frage quält mich: warum ging das bloß im Lugandaunterricht nie so einfach?

Donnerstag, 21. April 2011

Unkreativität

Weil mir heute nichts besseres einfällt, gibt's nur neuste Neuigkeiten aus der Heimat (ja, das vorherstehende, gräulich unterlegte Geschreibsel ist ein Link)!

Morgen wieder mehr aus Uganda, versprochen!

Dienstag, 19. April 2011

Gwen

Mag ich auch für die meisten Ugander in meiner Umgebung kein besonders vorbildlicher Ziegenhalter sein, sondern eher ein ziemlich wunderlicher Tierfreund, der vermutlich einfach nur nicht ausgelastet ist, weil er immer noch nicht verheiratet ist (geschweige denn Kinder hat), so spricht doch die Wertschätzung der Zielgruppe eine andere Sprache. Die Ziegenzucht Embuzi erfreut sich regen Zulaufs und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Beinahe alle zwei Wochen schauen herren- bzw. heimatlose Ziegen bei mir vorbei und wollen sich zu meiner kleinen Herde gesellen. Und nachdem schon eine dieser Ziegen in der Nachbarschaft des nächtens das Opfer herumstreunender Hunde wurde (die ja auch alle herren- und heimatlos sind, muss man zu deren Verteidigung sagen), konnte ich bei der nächsten nicht mehr tatenlos zusehen.
Gwen und ihre Lieblingsspeise: Bananenschalen
Deshalb habe ich jetzt Gwen. Sie ist meiner Schätzung nach höchstens zwei Monate alt und furchtbar winzig für ihr Alter. Eigentlich laufen solche kleinen Ziegen nicht ohne ihre Mutter herum, aber die scheint ihr wohl irgendwie abhanden gekommen zu sein. Was normalerweise das Todesurteil für die kleinen Zieglein bedeutet. Aber Gwen ist ziemlich taff und hat sich mindestens eine Woche allein durchgeschlagen, bevor ich sie eines Morgens schlafend unter dem Stall fand. Nun hat sich die zarte Gwen aber schon gut eingelebt und frisst erstaunliche Mengen für ihre Größe. Am liebsten direkt aus der Hand.

Montag, 18. April 2011

Aktuelles IV

Demonstrationen 

Hier liegt die Zukunft Ugandas: Öl im See
Die Regierung stellt sich den seit einer Woche stattfindenden Demonstrationen in wenig überraschender Weise. Vorsichtig ausgedrückt. Polizei und Militär sind in erhöhter Alarmbereitschaft und agieren wenig zimperlich. Die Polizeipräsenz wurde in allen größeren Städten des Landes massiv erhöht. Es gab allein letzten Donnerstag mindestens 220 Verhaftungen. Vier Menschen starben seitdem bei der Auflösung von Demonstrationen. Der Oppositionsführer Besigye wurde während eines Demonstrationsmarsches angeschossen. Mindestens zehn zum Teil sehr prominente Oppositionelle (u.a. der neugewählte Bürgermeister Kampalas) befanden sich zeitweise in „Schutzhaft“. Auch heute wurden sie in Erwartung weiterer "Walk to Work"-Märsche bereits morgens vorbeugend in Gewahrsam genommen. Uganda entwickelt sich scheinbar zu einem Polizeistaat. Aber wenigstens zu einem gut gerüsteten, wenn man den Medienberichten glauben schenken darf. Denn vor wenigen Wochen verkündete die Regierung, Kampfjets und Panzer für umgerechnet 740 Mio. Dollar kaufen zu wollen. Zum Schutz gegen "Eventualitäten" bei der Erschließung der Ölvorkommen im Lake Albert an der Grenze zum Kongo. Na dann.

Sonntag, 17. April 2011

Aktuelles III

Die allgemeine Stimmung

"Ehre sei Gott" - doch oft nicht für alle bezahlbar
Von westlichen Medien weitgehend unbemerkt hat die eigentlich schon seit einem Jahrzehnt anhaltende ökonomische Krise nun durch die brutal einsetzende Inflation zu einigen brandheißen Entwicklungen geführt. Die in den im Februar diesen Jahres abgehaltenen Präsidentschaftswahlen zuletzt vernichtend geschlagene Opposition versucht dieser Tage, den allgemeinen Unmut insbesondere der ugandischen Jugend gezielt auf die Straße zu bringen. Mit sogenannten „Walk to Work“-Demonstrationen („Lauf zur Arbeit“) soll auf die explodierenden Transportpreise aufmerksam gemacht werden. Eigentlich unnötig, denn der mittlerweile jeden Morgen zu beobachtenden Exodus der arbeitenden Bevölkerung in Richtung Stadtzentrum spricht auch an Nichtdemonstrationstage Bände. Denn längst hat die Krise auch die, so vorhandene, ugandische Mittelschicht in den Außenbezirken ergriffen und zwar in einem viel tiefgreifenderen und bedrohlicherem Maße, als es beispielsweise die Weltfinanzkrise in westlichen Ländern vermochte. Gegen die hiesigen Entwicklungen war das Jammern auf hohem Niveau.

Samstag, 16. April 2011

Aktuelles II

Geldentwertung

… denn seit etwa zwei Wochen setzt in Uganda etwas ein, was den wirtschaftlich bewanderten und/oder ziemlich betagten Lesern eine grauenerregende Vorstellung sein dürfte: Uganda hat mit solch schnellen Preissteigerungen zu kämpfen, dass wir für den Monat April wohl getrost von „galoppierender Inflation“ sprechen können. Denn zumindest Nahrung und Transportdienstleistungen haben sich in zwei Wochen um mindestens 50 Prozent verteuert und das sind die Posten, die die größten täglichen Ausgaben in den Budgets der Slumbewohner Kampalas ausmachen. Da mag die Regierung noch so sehr abwiegeln und mit künstlich schöngerechneten Statistiken die allgemeine Inflation auf unter 10 Prozent beziffern, die alltägliche Erfahrung spricht eine andere Sprache. Denn arbeitslose Familienväter mit acht Kindern kaufen äußerst selten die in die Regierungsberechnungen einfließenden Neuwagen, Reiserücktrittsversicherungen oder Laminierungsmaschinen. Sondern überraschenderweise lieber ein Kilo Reis (von 1500 auf 2500 Schilling), eine Fahrt aus Kawempe in die Stadt (von 500 auf 1000 Schilling) oder ein Mittagessen bestehend aus Kochbananen (Matooke), Maismehlbrei (Posho) und Bohnen (von 1500 auf 2500 Schilling).
Kikomando: von 800 auf 1200 Schilling und kein Ende in Sicht
Die Preissteigerungen sind auf zweierlei Ursachen zurückzuführen: auf eine harte wenn auch nicht allzulange Trockenzeit und vor allem auf den Bürgerkrieg in Libyen. Denn als einer der Hauptölversorger der Region treffen die aus dem Konflikt resultierenden Lieferengpässe die Entwicklungsländer Afrikas gewöhnlich zuerst, da sie weder über nennenswerte Ölbestände verfügen noch die bevorzugten Kunden anderer Ölstaaten darstellen. Und so explodieren die Spritpreise im ganzen Land und lassen die Nahrungsmittelversorgung Kampalas zu einer äußerst kostspieligen Angelegenheit werden. Und das ist erst der Anfang des ganzen, denn die nachziehenden Preissteigerungen für Dienstleistungen sind schon in vollem Gang: der Männerhaarschnitt für Ugander (von 1000 auf 2000 Schilling), das Zimmer in Wandegeyas bekanntestem Stundenhotel (von 4000 auf 7000 Schilling) oder das Studieren an der Makerere University (von 3.000.000 auf 6.000.000 Schilling pro Semester) haben sich massiv verteuert. Nur Coca-Cola und seine Konkurrenzbrausen bleiben so preiswert wie eh und je. Aber ob die den Schnitt so rausreißen?

Freitag, 15. April 2011

Aktuelles I

Die folgende Artikelserie wird einen kleinen Einblick in aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Uganda geben. Ich werde das wie üblich nicht so ernst halten, auch wenn ich manches durchaus bedenklich finde. Wer mehr erfahren will, der wende sich an mich persönlich.

Was bisher geschah...

Der ugandische Verein der Numismatiker sucht...
Starten wir mit einer guten, wenn auch etwas veralteten Nachricht: seit meiner Ankunft in Uganda steigt der Wert des Euro unaufhörlich. Hurra, möchte man da rufen. Um knapp 20 Prozent hat er seit August 2010 zugelegt. Viele tausend Schilling zusätzlich sind dadurch unerwarteterweise in meine Taschen geflossen und haben mir das Leben geradezu paradiesisch versüßt. Danke liebes Europa! Von deiner wirtschaftlichen Stärke profitierte ich auch fern der Heimat permanent. Vielleicht machte sie mich gar ein wenig überheblich. 
Doch der Reihe nach: von Zeit zu Zeit fühlte ich mich wie Gott in Frankreich. Mit von Geldbündeln ausgebeulten Taschen schlendert ich über den Wochenmarkt in Kalerwe und ließ die Verkäuferinnen gönnerhaft auch mal eine Tomate weniger in mein Körbchen legen. Ich konnte es mir ja leisten. Manches Mal sah man mich mit vollen Händen Bonbons unter den Kindern Kawempes verteilen, auf dass sie den Herrn für seine Güte, mich zu ihnen zu senden, lobpreisen mögen. Und in langen afrikanischen Nächten schlief ich selig mit dem Gedanken an meine sich durch die undurchschaubaren aber segensreichen Mechanismen der modernen Finanzwelt unsichtbar vermehrenden Reichtümer auf meinem Bankkonto ein, wohlwissend, dass sich auch am nächsten Morgen wieder mehrere hundert Ugandaschilling wie von Zauberhand zu meinen nicht unerheblichen Barschaften hinzugesellt hätten. Mir ging es gut, ich hatte nichts zu fürchten. Das konnte ja nicht so weitergehen, wie mir heute klar ist...

Montag, 11. April 2011

Warten

Beim Warten entdeckt: Kolonialismuskritisches Beweisgut
im Buspark 
Das tägliche Leben in Uganda fordert gewisse Fähigkeiten, die ausreichend zu kultivieren ich in der Heimat nicht gezwungen war. Leider, wie ich im Nachhinein sagen würde, denn mit ein bisschen mehr Training hätte ich mir dringendst notwendige Tugenden wie Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit schon viel früher angeeignet. Dann würde ich sicher nicht jedes Mal wieder zum angekündigten Beginn auf einer Konferenz, zum angegebenen Abfahrzeitpunkt am Bus oder zum vereinbarten Termin in der Stadt erscheinen. Dann würde ich nicht stundenlang den Handwerkern beim Versuch zuschauen müssen, einen Kronleuchter mithilfe eines Handbohrers und einer Rohrzange an der sechs Meter hohen Decke des Nachbarsaals zu befestigen. Dann würde ich nicht dem immer gleichen Advertisement-Talk der Straßenverkäufer lauschen müssen, die mir automatische Handyentlader, Bettwäsche für die Reise oder ihre Tochter für nur zwei Kühe verkaufen wollen. Und dann würde ich auch nicht mehr so viel Blogartikel verfassen müssen, deren Formulierung mir die unfreiwillig gewonnene Freizeit vertreibt. Aber ich arbeite dran – heute morgen kam ich vier Minuten zu spät zur Arbeit. Es geht aufwärts!

Mittwoch, 23. März 2011

Flughafen

Landung im August 2010
Aus aktuellem Anlass ein Eindruck des Flughafens Entebbe, damit sich gewisse Leute nicht verfahren. Wenn ihr hier ankommt, seid ihr genau richtig.
Ich war nur einmal in Entebbe und eigentlich ist es überhaupt nicht so typisch afrikanisch, wie es dieses Bild auf Grund von Sonnenaufgang und afrikanischer Fauna vermitteln mag. Es ist nämlich vor allem teuer. Man wird überall nach Strich und Faden beschissen, weil die Stadt der Ankunftsort für unbedarfte Ugandatouristen ohne Plan aber dafür mit viel Geld in der Tasche ist. Na gut, es gibt noch einen Zoo und einen botanischen Garten. Nichtsdestotrotz hab ich es für nötig befunden, meine Repertoire an lugandischen Verwünschungen für zu hohe Preise nochmal deutlich aufzupolieren. Vorbereitung ist alles.

Dienstag, 22. März 2011

Panoptikum

"Bye Mzungu!" - "Bye schwarze Kinder!"
Manchmal ist mein Slum ein Ort der totalen Überwachung. Was schwarzsehende Bürgerrechtler für das Internet befürchten, ist für mich auf der Straße oft schon beklemmende Realität. Ein natürliches Panoptikum, wenn man so will. Während der Begriff mal enwickelt wurde, um ein (kosten-) ideales Gefängnis zu beschreiben, das mit möglichst wenig Personal auszukommen vermag, geht es mir hier vor allem um den damit verbundenen Gedanken der Kontrolle durch permanente Beobachtung. Denn als vermutlich einziger ortsansässiger Weißer stellt man in manchen Teilen Kampalas schon allein durch seine Hautfarbe ein solches Kuriosum dar, dass ein unauffälliges Leben im Schatten der Masse praktisch unmöglich ist. Man wird einfach nie übersehen. Dazu kommt eine für enge Gemeinschaften typische geseitige Mitteilungsbedürftigkeit. Vermutlich bin ich ein ähnlich ergiebiges Klatschthema wie das Wetter oder die Wahlen. Ein jeder weiß, wann ich zur Arbeit gefahren bin und wann wieder nach hause, wann ich meine Wäsche aufgehangen oder meinen Müll heruntergebracht habe, bei welchem Laden ich am liebsten meine Cola kaufe und um welche Metzgerei ich immer einen Bogen mache. So richtig schräg wird’s dann, wenn schon Menschen meine Gewohnheiten kennen, die ich mit Sicherheit noch nie zuvor gesehen habe: der neue Imbissbesitzer um die Ecke, der genau weiß, wie ich meine Bestellung aufgebe und der neue Ananasverkäufer an der Hauptstraße, der die bestellte Frucht ungefragt aufschneidet, weil ich das immer so verlange. Im Ergebnis führe ich also ein unfreiwilliges Leben in der Öffentlichkeit, quasi als lokale Berühmtheit. Zum Glück ist die Unsitte der Autogrammjagd in Uganda nicht verbreitet, sonst würden morgen die Kinder nicht mehr nur „Bye Mzungu/Kizito!“ schreien, sondern eine dazu mit auch noch mit Stiften malträtieren. Jedenfalls tun sie das manchmal in meinen Albträumen.

Samstag, 19. März 2011

Lärm

Ein malerisches Stillleben 
Ein Eindruck, den jeder bestätigen wird, der Kampala schon einmal persönlich erlebt hat, ist der sich sofort einstellende Gedanke, man sei in eine Art künstlich erzeugter Lärmbelästigungszone oder ein Testgelände für die nervigsten Geräusche der Welt eingetreten. Von wem oder zu welchem Zweck dieses Gebiet der akutischen Folter angelegt wurde, blieb mir bis jetzt zwar verborgen, aber seine Auswirkungen sind mir dafür umso klarer: es treibt den zu seinem Unglück noch nicht ganz tauben Zuhörer über kurz oder lang in den Wahnsinn, so dass er sich wohl zum ersten Mal in seinem Leben ernsthaft nach einer rechtlich anerkannten Behinderung oder zumindest vollkommen dicht schließenden Ohrpfropfen sehnt.
Als kleines Beispiel der heutige Tag: ich erwache um sechs Uhr morgens durch die dumpf hämmernde Musik meines Nachbarn, der sich für sein leider nicht schalldichtes 6 m² Domizil eine neue Soundanlage zugelegt hat. Den Vormittag über begleitet mich das herrliche Geräusch einer elektrischen Metallsäge, das mir quasi eine Gänsehaut auf dem Trommelfell verschafft. Nach Beendigung dieses vormittäglichen Eingriffs in mein Recht auf körperliche Unversehrtheit ist nun schallwellentechnisch endlich Raum für die Martinshörner und quietschenden Reifen auf der nahegelegenen Hauptstraße, deren ferne aber beständig dennoch markerschütternd laute Klänge nur gelegentlich von hohen Kratzgeräuschen unterbrochen werden, wenn mein Nachbar seine alten Töpfe mit einem Messer bearbeitet. Mit Einbruch der Dunkelheit tritt dann das anhaltende Jaulenden der Wachhunde hinzu, die jedoch bald wieder von ohrenbetäubender Popmusik aus der naheliegenden Kneipe übertönt werden. Leider hat sich mein Gehör bislang noch nicht signifikant verschlechtert, so dass mir auch weiterhin keins dieser akutischen Schmankerl entgeht. Ich wünschte nur, man könnte Ohren willentlich schließen.

Freitag, 18. März 2011

Auf der Suche

Schön ist's, wenn was Spaß macht. Zum Beispiel die eigene Blogstatistik durchforsten und feststellen, auf welchen Wegen Menschen zu diesem Sammelwerk digitaler Publikationen gefunden haben. Dabei ist der Weg der Stammleserschaft schon relativ eindeutig: entweder man hat sich ein Lesezeichen gesetzt oder man googelt halt „ickeinuganda“ oder „ickeinugnada“ oder „Icke Uagnda“ oder so. Interessanter sind da schon die eher zufälligen Nutzer, deren Weg sie wahrscheinlich nicht immer gradlinig zu meinem Geschreibsel geführt hat. Naheliegend ist ja noch, mit der Frage „Was heißt Brot auf Luganda?“ auf meinen Blog gestoßen zu sein. Die Antwort ist übrigens „omugaati“. Von mir aus mag einen auch das Interesse an der „bürgermeisterwahl kampala“ zu mir führen – der DP-Kandidat Erias Lukwago hat übrigens den Sieg davongetragen – oder „pfingstler uganda“. Über beide Themen habe ich zumindest am Rande mal irgendwas erwähnt, glaube ich. Auch das „kugelförmige sportgerät“geht noch an. Aber spätestens bei der Suche nach „benötigte fähigkeiten für eiskunstlauf“ würde ich wohl nicht unbedingt bei einem Blog, das wahrscheinlich von einem afrikanischen Land auf dem Äquator handelt, nachsehen, was der werte Autor wohl dazu zu meinem Problem zu vermelden hat. Da liegt ja sogar die von einem umtriebigen Internetuser eingeleitete Suche nach „alte geile frauen“ bei einem Blog mit dem Namen „Icke in Uganda“ irgendwie näher. Die gibt’s hier zwar noch nicht so häufig, aber langsam bekomme ich ja einen Eindruck davon, was die Leser so wollen.

Donnerstag, 17. März 2011

Elaine

Meine beiden Schätze
 Seit nunmehr anderthalb Monaten ist Zackery nicht mehr alleiniger Herr im Haus. Die Viehzucht “Embuzi” hat weiteren Zuwachs erhalten und umfasst nun neben Zackery, fünf Monate altes Böckchen mit mittlerweile ausgeprägtem Ziegenirokesen, auch Elaine Embuzi, eine kleines, etwas scheues weißes Zieglein mit großem Appetit. Nach anfänglichen Eifersuchtsanfällen ob der geteilten Zuneigung seines Besitzers hat Zackery seine neue Mitbewohnerin mittlerweile absolut ins Herz geschlossen. Kein Morgen vergeht, an dem ich die beiden nicht nebeneinanderliegend im Stall auffinde, und auch den Tag über sind sie mehr oder weniger unzertrennlich. Da wird natürlich auch fleißig geübt, auf dass es bald mit dem Nachwuchs klappen möge...

Mittwoch, 16. März 2011

Post

Unter Einsatz meiner Freiheit aufgenommen: die verbotene Zone
Wenn man in Uganda auf Post aus der fernen Heimat wartet, hilft zuhause sitzen und auf den Briefträger lauern leider gar nicht dabei, das ersehnte Schreiben endlich zu erhalten. In Uganda gibt es zwar allerlei überflüssige Dienstleistungen, von mittelalten Frauen, die die Hauptstraße im Auftrag der Stadt mit einem Handbesen fegen über den Platzanweiser an der Taxihaltestelle bis hin zum eisernen Grundsatz jedes Supermarktbesitzers, immer mehr Mitarbeiter als Kunden in seinem Laden zu haben, und sei es nur, um die Regale zu bewachen. All das ist möglich, weil Arbeitskraft in Uganda im Überfluss vorhanden und somit billig ist. Es gibt einfach zu viele Arbeitssuchende und zu wenig vernünftige Jobs, so dass es gerne passieren kann, dass die Kassiererin vorher Jura studiert hat, der Maisverkäufer mal Entwicklungshelfer war und der Tankwart gerne Shakespeare zitiert. Lieber 2000 Schilling (ca. 65 Cent) am Tag verdient als sinnlos auf der Straße rumgehangen. Doch trotz dieses wahnsinnigen Lohndumpings scheint es sich nicht zu rentieren, die Lieferung meiner Korrespondenz frei Haus zu organisieren. Dabei wäre das doch eine  wahnsinnig sinnvolle arbeitsbeschaffende Maßnahme, die nicht nur die Lebensqualität aller fleißigen Briefschreiber nachhaltig erhöhen würde, sondern auch dem wehmütigen deutschen Alternativtouristen eine Träne der Rührung in die Augen treiben würde: "Schau mal Gabriel-Hieronimus , bei denen funktionieren die öffentlichen Einrichtungen noch. So schön könnte es sein ohne den Ausverkauf und die Privatisierung unserer Kommunen und bundeseigenen Dienstleister. Ich wette, hier würde die S-Bahn pünktlich fahren!". Aber das sind ja alles nur Wunschträume. Und so pilgere ich einmal wöchentlich zum großen Hauptpostamt und kontrolliere meine Mailbox. Vielleicht sind ja endlich die ersehnten Episteln zu finden?

Dienstag, 15. März 2011

Trockenzeit II

Stürzbäche schießen auf mich hinab
Seit drei Tagen regnet es quasi ununterbrochen, die Abwassergräben an den Hauptstraßen sind überflutet und die Slums in den Tälern zwischen den Hügeln Kampalas melden landunter. Der treue Leser wird sich erinnern: vor nicht mal einer Woche wurde die Ankündigung einer gefährlich langen Trockenzeit von mir in markigen Worten als unbedeutendes Langweilerthema abgetan. Habe ich nicht recht behalten? Regen führt in Kampala regelmäßig dazu, dass das soziale Leben komplett lahmgelegt wird. Taxis und Motorräder fahren nur sehr eingeschränkt, alle Termine werden vorsorglich abgesagt und die halbe Nation wartet mit eingezogenem Kopf unter den Markisen der kleinen Läden darauf, dass die sich anbahnende Sintflut doch noch an ihnen vorüberzieht.
Vorüberziehen tue aber nur ich und zwar auf meinem Fahrrad. Den morgendlichen Platzregen nutzend und von Dvořáks Allegro con fuoco aus der Sinfonie Nr. 9 „Aus der neuen Welt“ befeuert brause ich durch die leeren Straßen und erfreue mich daran, dem immerwährenden Stau mit der Unterstützung höherer Mächte entronnen zu sein. Doch die Kälte macht selbst mir zu schaffen. Komplett durchnässt erreiche ich, dem Vater aus Goethes Erlkönig gleich, mit Mühe und Not das Haus, die vom Straßendreck und Abwasser säubernde Dusche schon vor Augen. Doch zu früh gefreut: draußen mag es zwar wie aus Kübeln schütten, zuhause jedoch gibt es mal wieder kein Wasser. Also doch irgendwie Trockenzeit. Wieder einmal belehrt mich die ugandische Wirklichkeit eines besseren.

Montag, 14. März 2011

Freundschaft

Vom Diktator gestiftet, dem Volk gewidmet - Gaddafi Mosque
Die Welt schaut auf Tripolis und Gaddafi. Die ganze Welt? Nein, ein kleines Land im Herzen Afrikas trotzt dem Diktat der internationalen Medienmacht. Das Ugandische Staatsfernsehen UBC berichtet zwar mit Vorliebe von neuen Mordopfern in den Slums Kampalas oder den Gewinnern wichtiger ostafrikanischer Musikpreise, leider müssen dann auch Abstriche im Nachrichtenbereich gemacht werden. Es bleibt einfach nicht genug Sendezeit um über neuere Entwicklungen in Libyen oder dem Rest Nordafrikas zu informieren. Schließlich müssen ja auch die beliebten argentinischen Daily Soaps (“Hidden Passion” etc.) pünktlich beginnen. 
Man könnte die Gründe für diese Informationssperre natürlich auch in der engen Verbindung des ugandischen Dauerpräsidenten Yoweri Museveni mit seinem Freund Mummar al Gaddafi vermuten. Obwohl es, wie manche meiner Gesprächspartner nicht müde werden zu betonen, ja schon ewig her ist, dass die beiden in der Blüte ihrer Jahre gemeinsam im Grünen Buch schmökerten und die demokratische Zukunft Afrikas am Lagerfeuer diskutierten. Und der Museveni jetzt mit den ganzen Wahlen in Uganda andere Probleme hat als Lybien. Und der Gaddafi sich auch nicht nur zum Guten verändert hat. Und dass es deshalb ziemlich weit hergeholt ist, hier gezielte Zensur von höherer Stelle zu vermuten. Aber wenn ich dann auf dem Weg in die Altstadt die Gaddafi Road hinauffahre und eines der baulich bemerkenswertesten Gebäude Ugandas, die Gaddafi Mosque (Gaddafi-Moschee) so auf dem Hügel der Altstadt stehen sehe, bekomme ich so meine Zweifel, was dieses Auseinanderdriften der beiden dicken Kumpel angeht. Freundschaft ist doch immer noch die beständigste aller Beziehungen.

Sonntag, 13. März 2011

Werbung

Möglicherweise ein Fall irreführender Produktvermarktung
Egal ob Deutschland oder Uganda: allerlei mehr oder minder sinnvolle Produkte werden den ortsansässigen Mediennutzen täglich in bunten Bildern und innovativen Sprüchen nähergebracht. Natürlich nicht, um ihnen letztlich vollkommen überflüssiges Zeug anzudrehen, sondern nur, um zu informieren, auf dass man sich endlich seines dringenden Bedürfnisses nach den bisher unbekannten aber dennoch schmerzlich vermissten Waren klar werden könne. Das funktioniert offenkundig unabhängig vom kulturellen Hintergrund in beiden Ländern ziemlich gut. 
Unterschiede treten aber spätestens dann zutage, wenn der so gewonnene potentielle Kunde auch tatsächlich versucht, des angepriesenen Gutes habhaft zu werden. Denn es vergeht kein Tag in Kampala, an dem ich nicht mit Werbung für Dinge überschüttet werde, die es hier gar nicht gibt. Und damit sind nicht nur die Plakate für freie und ergebnisoffene Wahlen gemeint. Sondern vielmehr die importierten T-Shirts, auf denen für Wohnmobile, Yogi-Tee, Staubsauger der Firma Miele oder Jägermeister geworben wird. Oder die Aufforderung einiger Banken, sich doch mal ein kostenfreies Konto zuzulegen, das aber für die 90 Prozent Ugander ohne regelmäßiges und versteuertes Einkommen niemals angelegt werden wird. Oder die Werbung für dauerhaft verfügbares, flächendeckendes mobiles Internet, das in 70 Prozent des Landes und an drei Tagen die Woche nicht funktioniert. Alles toller Kram, den man aber nicht bekommt. Wie soll man hier ein überzeugtes Konsumkind bleiben?

Samstag, 12. März 2011

Verhandlungen

Luftige Schutzkleidung ist des Bodafahrers höchstes Gut
Es wirklich zum Verzweifeln. Seit nunmehr siebeneinhalb Monaten müht man sich Tag für Tag, sich den Gepflogenheiten des Landes anzupassen. Bloß keinen Schilling zuviel ausgeben, immer verhandeln, sonst gibt dir hier niemand einen angemessenen Preis. Ob beim Tomatenkauf, der Pediküre, mit dem Tierarzt oder auf der Aussichtsplattform. Es ist immer das gleiche Spiel. Man fragt nach dem Preis, dann wird beiseitig herzhaft über das erste Angebot gelacht und dann nährt man sich dem anvisierten Ziel, welches auf Grund der irgendwie immer gleich erkannten Nichteinheimischkeit seitens des Käufers sowieso grundsätzlich höher liegt als der “echte”, d.h. niedrigst mögliche Preis, in kleineren oder größeren Schritten an. So weit, so gut. Traurig wird es eben erst, wenn man irgendwann versteht, dass es egal ist, wieviel Übung man hat, wie gut man die Landessprache beherrscht oder wie trefflich man zu argumentieren versteht. Ein bestimmtes Preisniveau werde ich nie unterschreiten. Wenn Emma mit dem Bodafahrer verhandelt, bezahlt er die Hälfte, selbst wenn ich daneben stehe (was normalerweise den Preis schon per se hebt). Ich muss es also einfach einsehen: ich werde immer nur ein relativ guter oder schlechter Feilscher bleiben. Und zwar relativ zu meiner Hautfarbe.

Freitag, 11. März 2011

Bauvorhaben

Ein typisches Restaurant in rustikalem Stil

In Uganda geht’s voran, zumindest wenn man meine Nachbarn anschaut: da wird direkt vor meiner Haustür in zwei Tagen eine Bretterbude hochgezogen, deren Zweck in der Beherbergung eines Kleinstrestaurants besteht. An sich ein gerechtfertigtes und gewöhnlich wenig Aufsehen erregendes Unterfangen, würde sich die geplante Eröffnung nicht so wahnsinnig unvorteilhaft mit dem neuen Kanalisierungsprojekt des Bauherrn überschneiden. Der hat nämlich außerdem kurzerhand beschlossen, die direkt zum geplanten Eingang der Gaststube führende Auffahrt mal eben komplett aufzureißen, um neue Abwasserrohre zu verlegen. Was den Besuchsanreiz für potentielle Gäste sowohl zugangs- als auch geruchstechnisch nicht gerade erhöht. So schön dieses Beispiel für die Großartigkeit menschlicher Schaffenskraft auch ist, es wird zweifelsohne von der nachhaltigen Bauplanung eines anderen Hausbesitzers in der näheren Umgebung getoppt. Innerhalb einer Woche haben fleißige Hände auf seinen Wunsch hin die Begrenzungsmauer seines Grundstücks Stein für Stein abgetragen. An sich ganz schön, haben die Bewohner doch nun endlich einen freien Blick auf die geschäftige Straße, welche ihren Grund und Boden passiert. Allerdings währte dieses Glück nicht allzu lang. Wenige Tage später entschloss man sich nämlich, die alten Steine wiederzuverwenden, statt sie ungenutzt herumliegen zu lassen. Nun entsteht daraus eine neue Mauer an exakt der gleichen Stelle. So sieht bestmögliche Wiederverwertung aus.

Donnerstag, 10. März 2011

Mitfahrgäste

Eine ganz normale Kampala Black Box
Mein Sitznachbar im Minibus hat sich für den Dauerbrenner “Barbie Girl” als Klingelton entschieden. Zumindest in Uganda ist das an sich nicht weiter verwunderlich, schließlich hat ja auch der Eismann “Stille Nacht” als Erkennungsmerkmal, in der Kirche werden fromme Lugandatexte zur Melodie der deutschen Nationalhymne gesungen und mein Nachbar hört seit drei Monaten die große Phil Collins Collection in Endlosschleife. Musikalische Absonderlichkeiten sind also an der Tagesordnung. Aber es entbehrt doch nicht einer gewissen Komik, dass es sich bei besagtem Fan der Ätzträllergruppe “Aqua” um einen ca. 75-jährigen Moslem mit Vollbart und weißen Kaftan handelt, der sich eben noch lautstark über die Enttraditionalisierung seiner Enkel empört hat. Ironie lässt grüßen...

Mittwoch, 9. März 2011

Trockenzeit

Vorbemerkung: Wie mir ein Teil der treuen Leserschaft schon vor einiger Zeit ans Herz gelegt hat, sollte ich eher kürzer aber dafür öfter schreiben. Zum einen, weil die Gehirne der Lesefrösche durch zu viel Text schnell und nachhaltig abgestoßen werden, zum anderen damit die durch häufige Besuche dieses Blogs bei gleichzeitiger Abwesenheit neuer Beiträge langsam arg geforderte Frustrationstoleranz auch mal wieder eine Auszeit nehmen kann. Ich werde versuchen, dem nachzukommen, aber, wie die Erfahrung allenthalben zeigt: tiefgreifende strukturelle Reformen benötigen ihre Zeit. Womit wir für heute schon beim Stichwort wären:

Trockenzeit

Wetter finde ich persönlich ja ein grottenlangweiliges Thema. Aber für den Rest der Welt ist's immer ein echter Aufreger. Nun will man auch mein Interesse wecken, in Form einer Kurznachricht:

A long dry season has been predicted. Expect shortages of food, water & pasture. Store food & water to avoid hunger. - The Office of the Prime Minister“

(Für Nichtanglophile: „ Es wurde eine lange Trockenzeit vorhergesagt. Rechnen sie mit Versorgungsengpässen für Nahrung, Wasser und Futtermittel. Lagern sie Nahrung und Wasser ein, um Hunger zu verhindern. - Das Büro des Premier Ministers“)

Sowas braute sich hier schon seit Monaten nicht mehr zusammen
  Sollte ich mir Sorgen machen? Eine kurze Inspektion beim Supermarktinder zeigt: erste Hamsterkäufer haben alle meine Lieblingskaubonbons eingesackt, die Milch kostet 200 Ugandaschilling (ca. 6 Cent) mehr und der Laden wird nur noch gefegt, nicht mehr gewischt. Ich bin trotzdem noch ganz ruhig, obwohl die ersten Auswirkungen auch zuhause schon spürbar sind: meine Dusche hat weniger Druck als zuvor, meine Wäsche ist schon nach drei Stunden trocken und Dan empfiehlt mir, dringend Kanister zu kaufen, um das kostbare Nass auch in Zukunft genießen zu können. Denn zum Glück fand ich dann auch noch die Einladung zum UNDEF Workshop „Climate Change“ in meinem Mailpostfach. Da werden die bestimmt eine Menge Lösungen für alle Folgeprobleme der Trockenzeit diskutieren (Bonbonproduktion erhöhen, Kühe züchten, Brunnen bauen). Wetter ist wirklich ein grottenlangweiliges Thema.

Montag, 28. Februar 2011

Ein echt authentischer Wochenbericht

Montag
Dieser Ofen ist Scheiße.
Energiesparofen aus Kuhscheiße gebaut. Zudem erstmals althergebrachtes landwirtschaftliches Gerät (Egge) aus Eigenmotivation zur Anwendung gebracht. Danach mit der örtlichen Kräuterhexe medizinisch wertvolles Pflanzengut gesammelt und mit Mörsern zerkleinert. Antimückenöle aus natürlichen Essenzen gebraut. Fazit: Dem Ökotourismus zu huldigen ist nur was für Prenzlauer Berger Juppies auf Liegefahrrädern. Bevorzuge weiterhin Kugelgrill, Schaufeln und scharfe Messer. Muss ich mir jetzt „Eurozentrist“ in den Pass eintragen lassen?



Dienstag
Besser als bei Wetten, dass ...
Insektenbeobachtungskurs mit Straßenkindern durchgeführt. Die Wichtigkeit der Ameise und ihr soziales Gefüge laienhaft erläutert. Gottesanbeterin mit bloßer Hand gefangen und als Zeichenobjekt zur Verfügung gestellt. Ekelanfälle unterdrückt. An der Frage nach der Nützlichkeit von Moskitos gescheitert, daher Repellent und Fliegenklatsche empfohlen. Gekonnt Flip-Flops repariert und Kinderlandverschickungstrucks verabschiedet.
Nachtrag: Jetzt kommt raus. Guttenberg hat alles abgeschrieben, erstaunlicherweise aber nicht bei mir. Schwerer handwerklicher Fehler. Aberkennung der Promotion ist folgerichtig unvermeidlich.


Mittwoch
Wer Augen hat, der lese
Im Zuge der wenig freien, dafür aber schön unfairen Bürgermeisterwahlen gibt es Massenproteste im heimatlichen Kampala mit anschließender Militärparade. Die deutsche Botschaft hat zum Glück für diesen Fall Vorkehrungen getroffen und bereits vor Monaten über Fluchtanweisungen, Evakuierungspläne sowie sichere Frequenzen auf Kurzwellensendern informiert. Eingedenk des zwar empfohlenen aber nicht angelegten Nahrungsvorrats für zwei Wochen und des selbstverschuldeten Mangels an Campingkochern, Regenplanen, Keilriemen und Ersatzreifen im Gepäck aber gegen die Flucht ins befreundete Ausland entschieden. Stattdessen nur den sicheren Transfer zweier bekannter Rebellenziegen in den hauseigenen Fluchtbunker mittels der regierungssicheren Kommunikationskanäle des bekannten Demokratieförderers Facebook organisiert. Sicherheit geht vor.

Donnerstag
Mein neuer Brieffreund Y. Museveni
Auf der Überlandfahrt von Jinja nach Kampala alle Mitreisenden durch meine Anwesenheit in Freude versetzt. Alle Straßensperren des Militärs dank vorteilhafter Hautfarbe und unverstandener Rhetorik in Rekordzeit passiert. Zudem sämtliche Gepäckkontrollen abwenden können.
Gegen Mittag eine SMS vom alten und neuen Präsidenten bekommen, der sich für meine Unterstützung bedankt. Kann mich gar nicht erinnern, ihm meine Nummer gegeben zu haben. Einzige Erklärung: der Innenminister. Hatte unser weihnachtlicher Überraschungsbesuch auf seiner Finca für mich also doch noch unangenehme Konsequenzen. Gibt er unbefugt persönliche Daten weiter? Wittere den nächsten großen Skandal. Dann Erleichterung: Der Innenminister ist im Zuge der Neubesetzung von Posten nach der Wahl erst mal weg vom Fenster. Quasi nur noch ein Ex, ein a.D., ein Nichts. Erledigt. Wie gewohnt prompte Problemlösung der Behörden in einem Land, in dem Datenschutz noch groß geschrieben wird.

Freitag
Zwar nicht Jinja, trotzdem schön
Zurück Richtung Jinja. Bin ich taschenkontrollsüchtig geworden? In Jinja: erst Zuckerschock durch Geburtstagstorte, dann echt koloniales Golfen am Nil. Stilecht in Latschen und mit schwarzem Caddy, der anschaulich den richtigen Schwung erklärt. Bin offenbar talentfrei. Später über Kokosnuss gestolpert und dabei den Vorteil ungeteerter Straßen entdeckt. Ruhiger Abendausklang beim Fußballschauen. Die Gruppe betrunkener Siebenjähriger stört die heimwegliche Idylle, amüsiert sich aber prächtig über meine witzigen Zaubertricks. Finde Jinja auch komisch, aber auf andere Weise.


Samstag
Mein  Nachbar räumt auf
Auf dem Handgelenk Wäsche sauber rubbeln nervt. Sind Bettlaken wirklich existentiell notwendig? Großen Zementflatschen vom Fenster gekratzt. Der Hausausbau scheint in vollem Gange. Auch der Nachbar hat den großen Reinemachtag. Nach getaner Arbeit folgt das plastikbetriebene Freudenfeuer. Die gewonnene Holzkohle wird umweltbewußt im auch hier bekannten Energiesparofen (s.o.) verbraten. Die Erde ist gerettet.

Sonntag
Schwerer Fahrradunfall auf der morgendlichen Tour. Mein Sportbeutel voller Plastikflaschen bremst den freien Fall. Trotz Überschlag landet auch das Fahrrad sicher, nämlich auf meinem Kopf. Als Sicherheitsfanatiker aber natürlich Helm getragen. Angemessenen Applaus für artistische Großleistung mit gekonntem Abrollen erhalten. Sollte ich zum Zirkus gehen?

Montag, 7. Februar 2011

Ziegenplan II: Zackery Embuzi

Wie wird man nun eigentlich Viehhalter, wenn man keine Ahnung hat, wie das eigentlich geht? Man kann, wie ich, naiv drangehen und denken: „Ist doch total einfach: ich baue einen Stall, suche einen Namen und leg mir dann halt eine Ziege zu. Was soll sein?“ Klingt einfach, ist es aber nicht, denn spätestens am letzten Punkt stößt man auf ein gravierendes Hindernis: die Beschaffungsproblematik.  

Man wandert landauf und landab, klopft an jede Tür vor der sich eine Ziege rumtreibt und hofft darauf, dass endlich mal jemand einsieht, dass das liebe Tier bei mir, der keine Ahnung hat, wie man damit umgeht, deutlich besser aufgehoben ist als bei erfahrenen Viehzüchtern. Zumal ich ja auch gut zahle. Leider muss man dann unerwartet häufig feststellen, dass die befragten Personen so gar kein Verständnis für den vollkommen nachvollziehbaren Wunsch haben, die besagte Ziege nur zu Streichel- und Anschaungszwecken, keinesfalls aber mit dem Ziel der Züchtung oder gar Schlachtung besitzen zu wollen und irgendwie auch nicht geneigt scheint, das Tier jetzt endlich mal rauszurücken. Wahrscheinlich, so erklärte mir Isaac, ist der Bedarf an sogenannte „rituellen“ Ziegen, die demnächst der Opferung beim Medizinmann für einen neuen Liebestrank oder ein Medikament zur Gichtlinderung ins Auge sehen, momentan ziemlich hoch. Was soll man da machen?

Zackery Embuzi
In Uganda ist die Antwort klar: man geht zur Kirche, denn letztlich findet sich dort eigentlich immer eine barmherzige Seele, die mir aus purer Nächstenliebe oder akuter Geldnot das Objekt meiner Begierde abtreten wird, solange ich nur den richtigen Preis bezahle. Und so erstand ich eines schönen Samstagmittag Zackery Embuzi, ein kleines, drei Monate altes Böckchen mit ziemlich struppigem, schwarzrotem Fell und weißen Ohren. Eine echte Promenadenmischung, ein Kind der Straße. Zackery befindet sich seit nunmehr einem Monat in meinem Besitz und ist, wie ich nicht müde werde zu betonen, die klügste Ziege Kampalas. Das zeigt sich schon allein daran, dass er gerne Bücher verschlingt,  vornehmlich natürlich die, die ich auch gerade lese. Allerdings sind unsere Geschmäcker sehr verschieden, er bevorzugt nämlich die leichtverdaulichen.

Andere Ziegen, andere Sitten
Auch sonst bringt Zackery allerlei Merkmale mit, die ihn literarisch gesehen äußerst interessant machen, im echten Leben aber im Hinblick auf eine erfolgreiche Integration in die bestehende Gesellschaftsordnung ziemlich hinderlich sind. In den Augen der anderen Ziegen hat er wahrscheinlich ungefähr das gleiche Image, dass ein neureicher, besserwisserischer und überbehüteter Zehnjähriger bei seinen Altersgenossen hat: das eines Außenseiters. Und wie so oft, ist daran das Elternhaus, hier also ich, Schuld. Ein gluckenhafter Beschützerkomplex, gepaart mit Überfürsorglichkeit und jede natürliche Rangordnung missachtendem Gerechtigkeitswahn haben aus Zackery in den Augen der anderen die unangepassteste Muzunguziege, die in ganz Kawempe zu finden ist, gemacht. Alle anderen Ziegen dürfen fröhlich und frei auf der Weide herumlaufen, aber Zackery muss zuhause seinen Stall aufräumen, Bücher knabbern oder für das Ziegenrennen trainieren. Alle anderen Ziegen dürfen fröhlich Müll von der Straße sammeln und in Abfalleimern wühlen, aber Zackery muss seine Bananenblätter und -schalen schön ordentlich aus dem Jutesack fressen und würde dabei wahrscheinlich auch Besteck benutzen müssen, wenn er denn Daumen hätte. Alle anderen Ziegen dürfen Seifenwasser aus der Plastikschüssel vor den Latrinen trinken, aber Zackery darf nicht mal in die Nähe der Latrinen. Alle anderen Ziegen haben Würmer, Zackery ist natürlich geimpft und bekommt wöchentlich Vitamine, Mineralien und Spurenelemente.  
Wer kommt denn da?
Dem so sozialisierten Geschöpf ist das Leben in dem konservativen Regime der etablierten Herde, die der breiten Masse von Ziegen die Errungenschaften der modernen Zivilisation zugunsten eines anachronistischen Ordnung der Stärke vorenthält, unerträglich und somit ist für Zackery dort kein Platz. Zu seinem Glück und meiner Erleichterung hat er aber eine Menge anderer Freunde, von denen dann im dritten Teil die Rede sein wird.