Dienstag, 26. Oktober 2010



Ssaawa satu ez'okumakya nsoma oluganda – Um neun Uhr morgens lerne ich Luganda

"Ekibiina", nicht zu verwechseln...
Wenn man mal erlebt hat, wie schön das Leben nach der Schule ist, will man eigentlich nicht wieder dahin zurück. Klar, es gab auch interessante Lehrer und sinnvolle Fächer, aber vieles wurde einem durch diesen ganzen pädagogisch anspruchsvollen Unterbau verleidet. Man erinnere sich nur an all die enervierenden Neuheiten, die den Schulalltag eines durchschnittlichen deutschen Jugendlichen im letzten Jahrzehnt zu einer Herausforderung für Geduld und Manieren gemacht haben. Ständig mussten grundlegendste soziale Fähigkeiten (für alle Fans des innovativen Ausdrucks: soft skills) entweder in Rollenspielen oder beim gemeinsamen Blaubeersammeln unter Beweis gestellt, neuronales Multitasking an der Mindmap demonstriert und Kritikfähigkeit in der Feedbackrunde geschult werden.

..."ekibina", einem nicht ganz so tollen Hintern
In Gruppenarbeiten wurde der Wert der eigenen Milieuprägung erkannt, auf Ausflügen der Blick für die große weite Welt der Landwirtschaft geöffnet und in Schreibgesprächen auch schon mal die eigene Sexualität tiefenpsychologisch gewinnbringend erklärt. All diese alternativen Lernmethoden, ursprünglich nur gedacht zur Folter ganztägig verknackter Walddorfschüler, hielt leider im Zuge irgendeiner kruden Wende in der Bildungspolitik Einzug ins Curriculum aller deutschen Lehramtsstudenten. Die hatten dann nichts besseres zu tun als auch die anderen bisher verschonten Schulzweige auf diese modernen Methoden der Talenterweckungsbemühungen einzuschwören. 

Abfragerunde!
Daher ein Hoch auf Uganda und sein Bildungssystem. Neumodische Schülerbeteiligungsformen à la „Demokratische Schule“ werden in meinem Lugandakurs zurecht nur als zeitverschwenderischer Unfug abgetan. In einem ugandischen Klassenraum (“ekibiina“) herrscht noch eiserne Hierarchie und so frönt man hier noch den guten alten Tugenden des Frontalunterrichts: Disziplin, Höflichkeit und Schweigen. Nichtsdestotrotz ist aber auch hier der Unterricht nicht frei von Spannung, Spaß und wichtigsten Lebensweisheiten, womit sich wieder bestätigt, was wir alle schon immer wussten: es kommt nicht auf die Lehrmethoden an, sondern auf den Lehrer und das Fach.
Mein Lehrer ist ein Meister in der Vermittlung interkultureller Kompetenzen. Wer aufmerksam zu folgen vermag, dem eröffnen sich aus dem im Laufe nur einer einzigen Woche gesammelten Zitatenschatz Erkenntnisse, die anderen ein Leben voller Forschung und Beobachtung nicht zu bieten vermag. So bin ich endlich darüber aufgeklärt worden, dass,
 
  1. Kräuterkunde / Aufklärungsunterricht
    die ugandische Küche ihre Zutaten in der Absicht aussucht, bestmögliche Fertilität unter der männlichen wie auch weiblichen Bevölkerung zu erzeugen,
  2. die ugandische Ehe ihre alleinige Erfüllung in der Nutzung ebensolcher Fertilitätspotentiale findet,
  3. das Ziel einer 12-köpfigen Familien auf Grund von Nahrungs- und Landüberfluss eine sinnvolle Investition in die ugandische Zukunft darstellen,
  4. Polygamie angesichts eines Frauen-Männer-Verhältnisses von 10:3 eine gesellschaftliche Notwendigkeit darstellt,
  5. HIV von westlichen Mächten entwickelt wurde, um die aufkommende ugandische Weltherrschaft zu verhindern,
  6. die Afrikaner eben gerne schnackseln.
Gastkommentatorin Gloria 

 (Expertenmeinung von Fr. Gloria von Thun und Taxis: „Dass die mehr schnackseln, hat mit den klimatischen Bedingungen da unten zu tun.“)

Neben der personalen Komponente ist Luganda auch als Fach eine einzige Freude, denn es ist eine Sprache für Genießer: wer Spaß an grammatikalischer Verwirrung, kulturellen Absonderlichkeit und amüsanten linguistischen Kleinoden hat, der wird diese Sprache zu schätzen wissen. Alle anderen hören nur die unfassbar fremden Worte und Klänge, doch deren Sinn bleibt ihnen auf ewig verborgen. 
Katunkuma: ein ugandisches Potenzmittel

Meine ganz persönliche Faszination fürs Lugandische als Sprache, wenn nicht gar als Lebensgefühl, speist sich aus zwei Quellen. Zum einen bewundere ich die linguistisch begründbare Verachtung für alles, was die Emanzipation so mit sich gebracht haben. Nicht nur, dass das Wort für verheiratet sein („mufumbo“) vom Kochen („okufumba“) kommt, nein es gilt auch, entgegen aller Unkenrufe: sex matters, zumindest im Lugandischen. Männer können heiraten („okuwasa“), ´Frauen hingegen werden verheiratet („okufumbirwa“). Die Begriffe für Bruder und Schwester erhalten ihre Bedeutung durch das Geschlecht des Sprechers („muganda wange“ bzw. „mwannyinaze“), Bruder und Schwester können auf Grund grammatikalischer Gesetzmäßigkeiten keinen gemeinsamen Vater haben. Alles in allem ein erfrischender Abgesang auf westliche Gender-Mainstreaming-Bemühungen. Als bugandischer Sexist weiß man wenigstens noch die sprachliche Tradition hinter sich.
Klassisches Tafelbild
Zum anderen mag ich Herausforderungen. Alltagsluganda erschließt sich nur selten so einfach wie im Falle seiner offenkundigen Lehnwörter „ssente“ (Geld), „emmotoka“ (Auto) oder „assim“ (Handy). Die meisten Worte sind ungefähr so eingängig wie „emasannyalaze“ (Elektrizität) oder „wooteri ey'emiwendo emisaamusaamu“ (ein billiges Restaurant). Es ist also ein Sprache für Könner, denn neben dem ungewöhnlichen Vokabular beansprucht es auch die Stimm- und Artikulationsfähigkeiten in nie gekannter Weise, so dass nur äußerst japanophilen Ostafrikabesuchern bei Begriffen wie „eky'okunywa“ (Getränk) schier das Herz übergeht, kommen ihnen solche herrlichen Zungenbrecher spielend leicht über die Lippen. Allen ungelenkigen Kieferartisten wie z.B. meiner Wenigkeit steht die Erfragung der Getränkekarte erst nach einem rhetorikkurswürdigen Aussprachetrainingsmarathon offen. Aber dann ist man richtig stolz drauf, wenn man erfährt, dass es sogar Fruchtwein aus der Dose gibt...
Wer den Witz findet, darf ihn behalten...



Freitag, 8. Oktober 2010

Ssaawa biri ez'okumakya ndya ekyenkia - Um 8 Uhr morgens frühstücke ich! 
   
Herrentisch mit Priesterbild
Ich betrete das Wohn- und Esszimmer, um mich der allmorgendlichen Nahrungsaufnahme zu widmen. Als Ehrengast meiner Familie speise ich nach gut ugandischer Sitte gewöhnlich zumindest morgens allein am großen Esstisch, der aber auch sonst nur dem Oberhaupt der Familie, Mr. ******* und seiner Frau zu Diensten ist. Alle anderen Bewohner des Grundstücks werden zum Verzehr ihrer Mahlzeiten an den Katzentisch abgeschoben. Dieser steht symbolischerweise auch in der zwei Meter tiefer gelegenen Küche, die jedoch ansonsten nur zur Erwärmung der außerhalb des Haupthauses zubereiteten Speisen dient. Die werden sonst auf dem langen Weg hin zu meinem Platz natürlich ungenießbar kalt. Als Gast darf ich im Haushalt natürlich keinen Handschlag tun, sondern muss mir antriebslos den Arsch hinterhertragen lassen. Das gelingt mir ziemlich gut, manchmal allerdings bin ich rebellisch und räume den Tisch ab, wenn gerade keiner hinsieht. Schlimm!
Ein überreiches Mahl
Frühstück in meiner Gastfamilie besteht grundlegend immer aus schön süßem Brot („ebigaati“) mit Magarine der Marke „Blue Band“ und afrikanischem, d.h. bereits mit Milch aufgegossenen Tee („caayi). Je nach Versorgungssituation kommen dann noch geschnittene Ananas („ennannasi nsalasala“), Papaya („hab ich vergessen“), gekochte Eier aus eigener Zucht („amagi amafumba“) oder selbige zu Omelett verarbeitet („amagi amasiike“) hinzu. Zur Sicherheit ist das ganze schön unter einem Fliegennetz drapiert, damit auch ja kein Ungeziefer an das gelegentlich von Ameisen zum Vorratskeller umfunktionierte Brot gelangen kann. Guten Appetit!
Kontaminiertes Brot?

Ssaawa biri ne ddikik'assatu ez'okumakya ntera kugenda ku CLC kusoma oluganda - Um 8:30 Uhr morgens gehe ich gewöhnlich ins CLC, um Luganda zu lernen!

Namasuba wie es leibt und lebt
Ich verlasse mein vorübergehendes Heim in Richtung Bunamwaya „City Language Centre“ (unter uns hippen Freunden eingängiger Abkürzungen auch nur CLC genannt). Der Name ist aber hier leider nicht Programm, denn weder „City“ noch „Centre“ sind angemessene Bezeichnungen für die vorzufindenden Gegebenheiten. Die Metropole Bunamwaya zeichnet sich vor allem durch ihre nichtssagende Verschlafenheit gepaart mit dörflicher Langeweile aus, während das vermeintliche Centre auf Grund von Ausstattung und Lage daheim bestenfalls als Umkleidekabine oder Geräteschuppen dienen würde. Ich sehe ja ein, dass „Volkshochschulkurs Luganda im Vereinslokal Bunamwaya Kuhdorf“ irgendwie wenig geschäftsfördernd klingt, aber es wäre doch schon näher an der Wahrheit.

Ein bisschen Abenteuerurlaub
Hier geht's nach Bunamwaya
Mein Schulweg vermittelt eigentlich einen wunderbaren Eindruck ugandischer Lebenswirklichkeit: rote Erde, herumstreunende Tiere und jede Menge Kinder säumen den Pfad hin zum Ort meiner täglichen Beschäftigungstherapie. Dabei steht zunächst ein kleiner Gang durch Namasuba Down-Town an, bevor ich die gediegene Großstadtatmosphäre verlassen muss und den Schleichweg Richtung Bunamwaya einschlage: eine Wasserstelle, zwei Brücken und einen Fußballplatz später führt er mich entlang der dem aufmerksamen Leser bereits bekannten Kosmetikfabrik der Firma „Mov**“, deren unverzichtbare Errungenschaften ganz Ostafrika bzw. seine Bewohner ansehnlicher machen. Zudem hat man sich auch der Landschaftspflege verschrieben und taucht die nahegelegenen Bäche unter dem Motto "Unser Dorf soll schöner werden" mittels eigens dafür herangeschaffter Abwässer in herbstlich neonbunte Farben, so dass es eine wahre Pracht ist, dieses Naturschauspiel zu bewundern. Photos darf man aber verständlicherweise davon nicht machen, da werden die örtlichen Wachmannschaften ganz schnell böse. Auch zukünftige Besucher sollen sich ja von diesem Dienst an der Gemeinschaft noch überrascht zeigen können.
Rote Wege, rote Türme
Move it!

Schul- und Lernknast Bunamwaya
Schließlich führt mich dieser Pfad der Tugend dann doch endlich auf die Hauptstraße zwischen Zana und Nyanama und ich kann mich wieder der Begutachtung der einheimischen Kleiderordnung widmen. Wenn ich dann am Horizont das CLC erspähe, die einladenden Gitter vor den Fenstern erkenne und die schon geöffnete Pforte zu neuen Weisheiten sehen kann, dann weiß ich, es ist geschafft: ein halbstündiger Fußmarsch liegt hinter mir, ein spannender Schultag vor mir. Ob sich das gelohnt hat, erfahrt ihr im nächsten Bericht.

Was uns verbindet...