Samstag, 6. August 2011

Neue Geschichten aus der Wahlheimat II


“Der LC kommt!”, so hört man die Kinder schreiend durch die Straßen laufen. “Und er kommt nur deinetwegen!”, werde ich von den Jungs mit besorgter Miene aufgeklärt. ”Meine Güte, wirklich? Ich meine, echt? Der LC? Kein Scherz? So ein Mist!”, entfährt es mir unangemessenerweise. Man passt sich ja erstaunlich schnell der Situation an. Ich hab zwar keinen blassen Schimmer, warum das jetzt irgendwie wichtig ist, aber ich bin ja oft ein wenig blauäugig, wenn es um ugandische Lebenswirklichkeit geht. Vornehmlich aus Unwissenheit. Mir ist bewusst, dass der LC (local council, eine Art Bezirksbürgermeister) in meinem Slum schon über so wichtige Dinge wie die zulässigen Grenzen der Motorradbemalung (beim Fahrer hört der Spaß auf) oder die Notwendigkeit von Regeln beim Mensch-ärger-dich-nicht (man hat auch die Würfelwürfe betrunkener Gegner abzuwarten) schwerwiegende Entscheidungen gefällt hat, aber warum er nun ausgerechnet bei mir reinschneit, kapiert auch der verständigste Muzungu (also meine Wenigkeit) nur unzureichend. War ich gar zu forsch in meiner Kritik an der innovativen Konzeption des örtlichen selbstreinigenden Abwasserkanalsystems, welches durchgängige Überflutungen voraussetzt, um den darin enthaltenen Plastikmüll wirksam zu entfernen, und das nimmt der Gute jetzt persönlich? Hat man entdeckt, dass ich meine Kaugummis mit Vorliebe in strategisch günstigen Momenten wie dem Absingen der ugandischen Nationalhymne ausspucke, weil dann alle Tränen in den Augen haben? Hab ich den Kindern allzu auffällig das akustische Nachahmen von Darmflatulenzen beigebracht?
LUDO: Ein politisch inkorrektes Spiel
Alles falsch, werde ich sogleich in wenig beruhigender Manier aufgeklärt. Hier geht es um was Ernstes. Viehdiebstahl. Darauf steht Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren und natürlich Ziegenentzug. Und der LC ist gleichzeitig der erste Richter, wenn es um solche Fälle geht. Deshalb kommt der hier vorbei, meinen schadenfroh dreinschauenden Rivalen gleich im Schlepptau. Nun geht’s also zur Sache und zwar ganz locker in Form einer Anhörung. Jetzt ist also die sprichwörtliche Kacke am Dampfen.
Was ist nun die richtige Strategie? Ganz ruhig die Wahrheit sagen? Erfahrene Matlock-Gucker als Anwalt anheuern? Bestechen? Alles zusammen? Ich bin ratlos. Zum Glück muss ich erst mal nichts dergleichen machen, den zunächst einmal beginnen wir medienwirksam mit einem Schwall von lugandischem Kauderwelsch durch meinen Ankläger, dem ich nicht recht folgen kann. Ich werde aber schnell über die wesentlichen Punkte der zugrundeliegenden Indizienkette aufgeklärt.
  1. Ich bin der Slummuzungu
  2. Ich war auf der Suche nach jungen Ziegen
  3. Seine Ziege war eines Tages weg
Währenddessen bildet sich schon der erste Pulk von Zuschauern und das Publikum tobt. Denn vor geschätzten fünfzig sachkundigen Anwohnern kommt die Anklage zu dem geradezu zwangsläufigen Schluss, dass ich

 a) entweder die Ziege eigenhändig widerrechtlich an mich gebracht habe  
b) oder jemanden bezahlt habe, selbiges zu tun.

Wer hier den Zusammenhang findet, darf ihn behalten oder mir erklären. Meine brillante Verteidigung trotz totalem Unverständnis und den weiteren Verlauf der Verhandlung lese man im letzten Teil dieser Wahnsinnsstory. Bis dahin eine schöne Zeit.


Freitag, 29. Juli 2011

Neue Geschichten aus der Wahlheimat I

Mancherlei Ungewöhnliches passierte mir in der Vergangenheit in diesem weit entfernten Land am Äquator. Und nicht allzu selten waren dabei kriminelle Energien involviert. So wurde mir bereits das Handy gestohlen und damit tiefschürfende Liebesnachrichten an schmachtende Herzblätter verschickt, bevor es auf mysteriöse Weise wieder in meine Hände gelangte – mit dem ganzen Austausch von Liebeleien im Speicher. Mindestens ebenso verstörend war ein nächtlicher Einbruch in mein Zimmer, in dem ich nichtsahnend schlummerte. Immerhin entschuldigte sich der Schlossknacker am nächsten Morgen persönlich bei mir – man kann ja schon mal das Stockwerk verwechseln und dann kurzerhand entscheiden, dass Schlüssel vollkommen überflüssige Accessoires insbesondere für solche Personen darstellen, die sich auf die Kunst des Aufrüttelns eigentlich verschlossener Pforten verstehen.
Bisher jedoch fand ich mich bei Rechtsbrüchen in meiner Wahlheimat nie der Täterschaft beschuldigt. Bis ich letzte Woche Bekanntschaft mit der ugandischen Justiz und ihrer für deutsche Verhältnisse geradezu beängstigend rasenden Geschwindigkeit machte: Anklage, Verhandlung und Urteil in einer Stunde? Schnallen Sie sich besser an, Mr. White Guy, es könnte unangenehm werden...

Wie ich einmal verklagt wurde...

Blicke ich zurück in meine möglicherweise etwas getrübte Erinnerung, begann das Geschehen ungefähr so: eines schönen Tages begab ich mich in steter Sorge um die mir anvertrauten gehörnten Wiederkäuer auf die nahegelegene Weide, als mich ein orientalisch gekleideter, mittelalter Herr unvermittelt beim Ziegenbürsten ansprach. Ob ich wohl die Güte hätte, ihm kundzutun, wo man solch beeindruckende Geschöpfe wie meine mittlerweile prächtig gewachsene Gwen in diesem Lande ausfindig machen könnte?  
“Ei guter Herr, nur allzu gerne brächte ich euch dieses Wissen nahe. Doch unglücklicherweise kann selbst ich euch nur unzureichende Kunde von der Herkunft jenes von euch so bewunderten Wesens übermitteln, denn Herkunft und Geburtsort dieser beeindruckend anmutenden Geiß verlieren sich im Dunkel ihres kurzen Lebens. Ihre Pflege wurde mir mehr durch einen Zufall denn durch eigenes Zutun anvertraut und so blieb ich bis heute über ihre detaillierte Genealogie im Ungewissen”, sprach ich und ward so gleich gewahr, dass die Augen des unbekannten Fremden schelmisch blitzten, als hätte er soeben die Bestätigung einer schon lang gehegten Vermutung erhalten.
“Nun hör mal gut zu, du daher geschwollen quatschender Muzungu aus der Nachbarschaft. Vor dir steht der Besitzer jener Ziege, die dieses Balg zur Welt gebracht und versorgt hat, bis es vor einiger Zeit einfach verschwunden ist. Kurz und knapp: du gibst mir jetzt mal dieses meckernde Nutztier heraus, dann passiert dir auch nichts, ansonsten kannste dich auf was gefasst machen, verstanden?”
Leicht verunsichert ob der gar zu dreisten Rede des offenbar wenig kooperativen Unholds ward ich versucht, einer gütlichen Einigung Vorschub zu leisten und gab mich kooperationswillig: “Sehr verehrter Herr ehemaliger Ziegenbesitzer aus der Nachbarschaft, keinesfalls zweifle ich eure mehr als kurios anmutende Mär über den unfreiwilligen Verlust einer geliebten Selbstzüchtung und die nachfolgenden Monate der unbeabsichtigten Trennung an, gleichwohl fällt es mir schwer, die von mir eigenhändig aufgezogenen Geiß so unvermittelt in mir fremde Hände zu geben. Saget, oh Rastloser, gibt es denn nicht die Möglichkeit, sich auf einen finanziellen Obolus als Ausgleich für eure bisherigen Verluste zu einigen?”
Gwen besucht mich im Knast
”Unter 200.000 Schilling geht gar nüscht, dass das man klar ist. Auszuhändigen in einer Stunde an der großen Palme in kleinen, willkürlich nummerierten Scheinen. Und wehe du erzählst wem davon, du reicher Möchtegernviehzüchter aus dem Norden!”
Nur mäßig beeindruckt von dem bedrohlichem Klang seiner Stimme erwiderte ich feist, wenn auch unüberlegt: “Gar ridikül erscheint mir euer Ansinnen, schändlicher Erpresser. Zieht unverrichteter Dinge von dannen, wenn ihr nicht ernsthafterweise auf eine gütliche Einigung mit mir wenig verständigem Ziegennarr ausseid. Getreu dem Ratschlag meiner werten Frau Mama - “Mit Terroristen verhandeln wa schonma ja nich!” - empfehle ich mich freundlichst euer werten Gegenwart und bitte euch wenn auch höflichst so doch ebenso nachdrücklich, euch von der mir okkupierten Weide zu entfernen!”  
Worauf sich der so gescholtene wahrhaftig unter einem Schwall von Flüchen und Verwünschungen gen Osten in Richtung der nahegelegenen Slums aufmachte, freilich nicht ohne mich darauf aufmerksam zu machen, dass soeben beendete Unterhaltung wohl für mich zweifellos noch ein Nachspiel habe.

Wie recht er doch haben sollte...

Freitag, 13. Mai 2011

HIV/AIDS I

Die folgende Reihe wird sich mit HIV und AIDS auseinandersetzen. Keiner, der sich länger in Afrika aufhält, kommt um das Thema herum. Gleichwohl ist es zumindest in meinem täglichen Erleben viel weniger präsent als man eigentlich annehmen sollte. Schließlich handelt es sich dabei um eine tödliche, unheilbare Seuche, die in Kampala ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung befallen hat und sich weiterhin ausbreitet. Und das, obwohl Uganda fast ein Jahrzehnt lang als Vorzeigeland galt, was die HIV-Prävention anging. Was ist denn da passiert?

Tests

Grundschulweisheiten
Heute werden bei uns im Slum kostenlose Tests angeboten. Die werden in einem Zelt an der Straße aufgenommen und sind etwa innerhalb von fünf Minuten ausgewertet. Man wird mit Namen registriert und bekommt ein handgeschriebenes Zettelchen mit einer Nummer drauf, damit der auswertende Angestellte (ob der Arzt ist, sei mal dahingestellt) den Teststreifen auch wiederfindet. Die Auswertung erfolgt auf einer Bank hinter dem Zelt. Da sitzt man dann ganz locker mit dem Arzt zusammen, daneben noch der Typ, der die Kisten mit dem Equipment aus dem Auto getragen hat, und irgendein Halbwüchsiger, dem es in der Sonne zu warm war. Der Arzt stellt die üblichen Fragen nach Alter, letztem Test, dessen Ergebnis und letztem ungeschützten Geschlechtsverkehr. Dabei wird einem, egal wie man sich in der Vergangenheit verhalten hat, schon ein bisschen mulmig. Für den Arzt scheint dieser Spannungsbogen aber wichtig zu sein, denn vor dem Höhepunkt der Veranstaltung, der Ergebnisverkündigung, wird einem nochmal ernst in die Augen geschaut. Wahrscheinlich, damit man sich auch in Zukunft nicht risikobereit verhält. Dann die Erlösung oder der Schicksalsschlag. Egal, was davon eintritt, der Epilog des Beraters geht gänzlich an einem vorüber. Was für ein Theater.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Werbung II

Manchmal benötigt man gar nicht viele Worte, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es sich anfühlt, Uganda zu entdecken. Oft genügt ein Bild.

Analog zur S-Bahn Werbung: Minibusanzeigen

(Übersetzung: “Entfernen sie ihre Zähne nicht – Wir bieten Behandlungen löchriger, fauliger, blutiger oder kariöser Zähne, Mundgeruchs und Zahnaufhellung.“

Montag, 9. Mai 2011

Ugandische Mythen III

Torschlusspanik nach afrikanischer Zeit

Manchmal ist die ugandische Gesellschaft gnadenlos. Vor allem in Bezug auf die in Europa ja sehr verbreiteten Bedenken ob der eigenen Attraktivität und den damit verbundenen Schwierigkeiten, dem biologischen Fortpflanzungsimperativ zu folgen. Zu Deutsch: in Uganda wird Frauen die Torschlusspanik praktisch schon eingeredet, bevor sie überhaupt in die Pubertät eintreten. Ob das in Verbindung zu der hier schon erwähnten, künstlich herbeigeredeten Männerknappheit zu sehen ist, bleibt mal dahingestellt. Beschwichtigend wirkt die jedenfalls sicherlich nicht. Fakt ist daher, dass schon zwanzigjährige Frauen in Uganda aufsteigende Panikattacken niederkämpfen müssen, wenn sie auf ihren Beziehungsstatus angesprochen nicht schon ein baldige Heirat in Aussicht haben und dementsprechend die Grundlage zum Kinderkriegen geschaffen ist.
Kinder erfolgreicher ugandischer Mütter!
Die gängigen Erklärungen für diese Phänomen sind so aus westlicher Sicht natürlich komplett hirnrissig, aber sie spiegeln die Lebenswirklichkeit ugandischer Frauen relativ ungeschminkt wider. Natürlich ist die Behauptung, eine Schwangerschaft wäre ab dem dreißigsten Lebensjahr nicht mehr möglich, biologisch gesehen Unfug. Aber aus gesellschaftlicher Perspektive muss man sich vor Augen führen, dass ugandische Frauen immer noch vornehmlich in der Ehefrau- und Mutterrolle gesehen werden. Und da hat es eine attraktive Zwanzigjährige eben deutlich leichter, einen Mann zu finden, der auch gerne Mitte dreißig sein darf, als eine unabhängige Frau in den besseren, d.h. fortgeschrittenen Jahren. Denn die soll ja auch gerne noch die durchschnittlich fünfeinhalb Kinder zur Welt bringen, die eine ugandische Frau eben zu erziehen hat.
Nüchtern betrachtet gibt es natürlich mehr als genug Frauen ohne dieses Ziel und ohne die Aussicht, mit zwanzig den Mann fürs Leben gefunden zu haben, so dass das offenbar vorherrschende wie gesellschaftlich erwünschte Bild von der jugendlichen Mutter eigentlich schon komplett überholt ist. Als Kompromiss sollte es dann aber spätestens Mitte zwanzig so weit sein. Und im Gegensatz zu Deutschland, wo späte Mutterschaft zumindest für die höher gebildete Mittel- und Oberschicht praktisch unausweichlich ist, sind in Uganda kinderlose Frauen in den Dreißigern in der öffentlichen Wahrnehmung praktisch nicht vorhanden. Denn die sprichwörtliche „african time“ gibt es auch für biologische Uhren. Nur eben in umgekehrter Richtung

Samstag, 7. Mai 2011

Ugandische Mythen II

Die Zahnfee auf Ugandisch

Ugandische Grundschulkinder haben häufig einen Hang zur Grausamkeit gegenüber allerlei Getier, das sich als wenig widerstands- bzw. verteidigungsfähig erweist. Doch es gibt eine Ausnahme, die mich zum Nachdenken anregte: nie habe ich Kinder eine lebende Ratte quälen oder einen Rattenleichnam schänden sehen. Warum werden ausgerechnet diese hier nun wirklich zahlreichen Nager nicht mit der zweifelhaften Aufmerksamkeit einer Gruppe Halbwüchsiger bedacht?
Die Antwort ist einfach: jeder Grundschüler mit halbwegs gesundem Entwicklungsstand stellt sich lieber gut mit den nacktschwänzigen Pelztierchen, schließlich erwartet er von denen in regelmäßigen Abständen eine Belohnung. Denn für jeden ausgefallenen Milchzahn bringt die „Zahnratte“, wie ich sie mal unsauber übersetzt nennen möchte, im Tausch blinkende Münzen im Werte von tausend Schilling, die zu verprassen gerne tagelang Pläne geschmiedet werden. Besser also, man verärgert die Ratte nicht zu sehr durch tätliche Angriffe auf ihre Artgenossen.
Zahnpferd?
Meinen Nachforschungen zufolge haben die Zahnratten aber entweder einen guten Draht zur Ugandischen Zentralbank oder sie sind in letzter Zeit deutlich besser genährt als man das erwarten würde. Denn mir wurde aus sicherer Quelle zugetragen, dass die Ratten im Zuge der Inflation ihre Gewinnausschüttung ebenfalls verdoppelt haben und neuerdings sogar Scheine bringen. Obwohl die sonst doch auch gerne Papier essen. Irgendwie bin ich jetzt ziemlich skeptisch geworden, ob diesem Glauben nicht viel eher eine der ugandischen Lebenswirklichkeit nähere Form der amerikanischen „Zahnfee“ zugrunde liegt, die, wie aufgeklärte Kinder westlicher Couleur wissen, ja letztlich nur von den Eltern vorgeschoben wird, um dem Nachwuchs mal was Gutes zu tun. Aber irgendwie hätte man da doch ein netteres ugandisches Tier nehmen können. Nilpferd oder so.